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Gesellschaft

«Am Parteitag gab es Bananen»

Am 9. November vor 30 Jahren fiel die Berliner Mauer. Kaum einer hatte das für möglich gehalten. Pfarrerin Rosemarie Hoffmann erinnert sich an die damalige Zeit.

Denke ich an die DDR, dann fällt mir ein: Vor den Geschäften waren lange Schlangen, es gab nur das Nötigste. «Zwei Apfelsinen im Jahr und am Parteitag Bananen…» Mein Vater versorgte uns als Hobbygärtner mit Gemüse und Obst. Es gab immer Kohl: Weisskohl, Blumenkohl, Grünkohl… Wenn ich jammerte, dann kam meine Oma mit dem Bibelspruch: «Besser ein Gericht Kraut mit Liebe, als ein gemästeter Ochse mit Hass». Schokolade gab es nur zu Weihnachten und zum Geburtstag. Die Städte waren grau in grau, überall kaputte Häuser, riesige Schlaglöcher… Auf meinen Trabi musste ich 15 Jahre warten.

Das Schlimmste war für mich die Freiheitsbegrenzung durch die Mauer und die vorgegebene Einheitsmeinung. Doch die Freiheit im Denken konnte uns niemand nehmen. Die Kirche hat mir Heimat gegeben. Meine Söhne wurden 1984 von einer evangelischen Pfarrerin getauft. 1989 überschlugen sich die Ereignisse. Während der Leipziger Herbstmesse habe ich die Tumulte in der Innenstadt miterlebt. Hunderte und später Tausende gingen auf die Strasse und protestierten gegen das DDR-Regime und für demokratische Reformen. Mit dem Mauerfall kam alles anders.

Es war nicht alles schlecht: Es gab keine Arbeitslosen, keine Bettler, keine Drogensüchtigen. Frauen waren in Bildung und Beruf gleichgestellt. Nach der Wende stürmten die Ostler mit ihren Stoffbeuteln die Geschäfte. Sie wurden belächelt, weil sie nicht so schicke Plastiktüten hatten. Heute sind die Meere voller Plastik. Manchmal entpuppt sich Rückschritt als Fortschritt.


→ Lesen Sie hier mehr zum Thema «30 Jahre Mauerfall»


(Pfr. Rosemarie Hoffmann, 19. September 2019)


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