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Kultur

Stiller Texter, breite Wirkung

21.11.2019
«Jauchzet ihr Himmel, frohlocket ihr Engel, in Chören» stammt aus der Feder von Gerhard Tersteegen und erklingt in vielen Thurgauer Weihnachtsgottesdiensten. Ein Einblick in sein Schaffen anlässlich seines 250. Todestages und eine geschichtliche Einschätzung mit Thurgauer Bezug von Chorleiter und Organist Pascal Miller.

Gerhard Tersteegen gilt als bedeutender Vertreter des reformierten Pietismus. Die Erwachsenenbildungsstätte Tecum nimmt sogar ein kennzeichnendes Wort von Tersteegen auf, das einem «Stillen Wochenende» im kommenden Februar Richtung geben soll: «Schweige dem Herrn und halt ihm still, dass er wirke, was er will.»

Gotteserfahrung in der Mystik
Dieses Zitat zeigt deutlich: Tersteegen war ein hingebungsvoller Gottsuchender und Begnadeter eines stillen und sanften Geistes. Er redete wenig und betete viel; die Suche Gottes in Christus war sein ganzes Geheimnis. Tersteegen lässt sich bei den Mystikerinnen und Mystikern einordnen. Die Heilkraft der Stille hat er an Menschen weitergegeben. Gebete, Reime und Andachten kann man in Tersteegens «Geistliches Blumengärtlein» lesen, das sich auch als Weihnachtsgeschenk für Gottsuchende eignet. Da und dort gestalten Thurgauer Pfarrerinnen und Pfarrer mit bekannten Liedern von Tersteegen sogar eigentliche Liedpredigten – zum Beispiel mit «Gott ist gegenwärtig», einem der bekanntesten Kirchenlieder überhaupt.

Mystik der Gegenwart
Bedeutende Theologen des 20. Jahrhunderts wie Karl Rahner auf katholischer, Wolfhart Pannenberg und Dorothee Sölle auf evangelischer Seite waren der Mystik zugetan. Karl Rahner sagt, «dass der Christ der Zukunft ein Mystiker sei oder nicht mehr sei». Wolfhart Pannenberg hat metaphysische Gedanken in der Theologie erneuert und das Potential von Transzendenz als Infragestellung irdischer Ordnung reaktiviert. Dorothee Sölle verbindet «Mystik und Widerstand» in ihrem letzten Buch. Alle drei betonen, dass persönliche Gotteserfahrungen – wie jene Tersteegens – eine grosse Rolle für den Glauben spielten.

Beliebt an Schulen und in Chören
Die Texte von Gerhard Tersteegen hätten zuerst einmal vertont oder einer Melodie zugewiesen werden müssen, sagt Pascal Miller aus Erlen: «Bis die Lieder einen bestimmten Bekanntheitsgrad hatten, dauerte es unterschiedlich lange.» Er bezieht sich auf die Auswahlbibliographie der Gesangbücher der reformierten Deutschschweiz, wo zu lesen ist, dass «die Einführung des Gesangs überhaupt und der Vierstimmigkeit im Besonderen ein langer und oft mühsamer Prozess» gewesen sei, «der weitgehend erst im 18. und 19. Jahrhundert mit der Einführung der Orgel und mit dem aufblühenden Gesangvereinswesen zum Erfolg führte.» Dazu, so Lehrer Miller, hätten auch die Schulen gehört, die das Liedgut von Tersteegen zum Teil aufnahmen. Gründungen der grossen Gesangsvereine in der Mitte des 19. Jahrhunderts hätten ebenfalls dazu beigetragen.

Verfolgt man Konzerte von Kirchenchören und anderen Gesangsvereinen, bekommt man auch heute noch immer wieder vertonte Texte von Tersteegen zu hören. Der Erler Altlehrer und Chronist Thomas Ledergerber hat ein altes Zeitzeugnis auch in seiner Chronik zur Kirche Erlen aufgenommen, die 2010 erschienen ist: «Am Anfang und am Schlusse der Predigt von Pfarrer Tschudi begleiteten Musikanten mit Posaunen und Zinken (Anmerkung: veraltete Holzblasinstrumente) den Gesang auf anmutigste Weise.»

Menschen verzaubert
«Ich bete an die Macht der Liebe» ist ebenfalls einer seiner bekanntesten Texte, die vertont wurden. Eine Liebe ist damit gemeint, die sich in Jesus offenbart. In der Vertonung des ukrainischen Komponisten Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski hat das Lied viele Menschen verzaubert. Es wird in Kirchen und zu den verschiedensten Anlässen gesungen. Noch weitere Texte von Tersteegen haben es in Form von Liedern in das evangelisch-reformierte Gesangbuch der deutschsprachigen Schweiz geschafft, nämlich «Ein Tag, der sagt‘s dem andern» und «Brunn alles Heils, dich ehren wir».


(Rosemarie Hoffmann / Roman Salzmann, 27. November 2019)

Armenarzt und Prediger

Gerhard Tersteegen (1697 bis 1769) war Kirchenlieddichter, Mystiker und Laienprediger. Er wuchs in einem frommen Elternhaus auf. Da die Familie für ein Theologiestudium kein Geld hatte, erlernte er den Kaufmannsberuf und war später als Bandweber tätig. Frühzeitig begann er die Schriften der Mystiker zu lesen und zu übersetzen. Er lebte zurückgezogen zwischen Büchern und Kräutlein und hatte doch ständig Kontakt mit Menschen, die seinen Rat suchten. Als Armenarzt war er bei denen, die sich keinen Arzt leisten konnten. Später predigte er in Deutschland und Holland. (rh)


Von Jürg Hartmann erfasst am 28.11 2019 21:42

Zum Thema "Glaubensvorstellungen"

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