«Am Anfang war das Wort» – jetzt kommt die KI
In Sachen Kommunikation sieht Tilmann Zuber bei den Reformierten Nachholbedarf: Während Protestanten oft am gedruckten Wort hängen, nutzt die katholische Kirche längst Radio und Fernsehen. Und religiöse Fundamentalisten setzen die sozialen Medien gezielt ein. Deshalb veranstaltet Zuber, der bis vor kurzem Chefredaktor des «Interkantonalen Kirchenboten» war, an der Theologischen Fakultät Basel eine Übungsreihe: «Christentum ist Kommunikation», lautet seine einfache These. Schon die Bibel inszeniert sich als Sprechakt: Gott spricht im Alten Testament, und es wird gut. Jesus sendet seine Jüngerinnen und Jünger mit dem Missionsauftrag in die Welt – im Kern ein Kommunikationsauftrag.
Von den Thesen zum Algorithmus
Diese Linie zieht sich, so Zuber, durch die gesamte Kirchengeschichte: von Klosterhandschriften über den Buchdruck bis zu Radiopredigten, Fernsehgottesdiensten und heute Social Media und KI. Die Übungsreihe fragt, wie jedes neue Medium den Glauben verändert hat – und umgekehrt. Als im 2. Jahrhundert das Buch die Papyrusrolle ablöste, mussten die Kirchenväter entscheiden, welche Texte zur Bibel gehören. Der Buchdruck im 16. Jahrhundert machte Luthers 95 Thesen europaweit bekannt und verwandelte die Bibel in ein Verlagsprodukt. Doch derselbe Buchdruck verbreitete auch Hetzschriften, befeuerte Hexenverfolgungen und antisemitische Motive, die bis heute nachwirken. Dieser doppelte Boden durchzieht das Semesterprogramm.

> Passend dazu: Fokus «Kirche und Medien»
Die Geschichte des Christentums ist auch eine Mediengeschichte. Obwohl Jesus nie ein Wort aufgeschrieben hatte, eroberte seine Botschaft die Welt – mit Hilfe des Buches bis hin zu den sozialen Medien.
Die Sitzungen folgen der Mediengeschichte: christliche Ikonografie als visuelle Sprache, das Storytelling der Hilfswerke, Religion im Radio- und Fernsehstudio, Podcasts als digitale Lagerfeuer. Dazu kommen die politischen Dimensionen kirchlicher Äusserungen oder kirchliches Schweigen, christliche Motive in Literatur und Film sowie christliche Influencerinnen und Influencer und kirchliche Präsenz in sozialen Netzwerken. Fachleute von SRF, aus der Werbebranche und aus anderen theologischen Disziplinen gestalten die Vorträge.
Den Abschluss bildet die KI: Wie verändert sie das Schreiben, das Predigen und die journalistische Arbeit in einer Kirche, deren mediale Wurzeln im 16. Jahrhundert liegen? Die Studierenden sollen nicht nur analysieren, sondern selbst experimentieren – etwa mit KI-gestützten Predigten und Texten. Die Fakultät reagiert damit auf eine Frage, die auch die reformierten Landeskirchen beschäftigt: Wie kommuniziert eine Institution, deren Kernmedium einst die handgeschriebene Schriftrolle war, in einer Welt aus Feeds, Algorithmen und Sprachmodellen?
Praxis zur Theorie
Die Analyse bleibt nicht abstrakt. Die Studierenden schreiben eigene journalistische Beiträge zu theologischen und kirchlichen Themen, die redigiert und zur Veröffentlichung angeboten werden. So entsteht Öffentlichkeit direkt aus dem Hörsaal. Das entspricht der Grundthese des Kurses: «Eine Botschaft, die nicht kommuniziert wird, wird nicht gehört – so überzeugend sie theologisch auch sein mag», sagt Zuber.
«Christentum als Kommunikationskultur», Theologische Fakultät Basel, Herbst- und Wintersemester, Beginn: 17. September, 10.15 bis 12 Uhr
«Am Anfang war das Wort» – jetzt kommt die KI