News aus dem Thurgau
Sommerserie: Wandern auf spirituellen Pfaden

Aus dem Hamsterrad des Alltags ausbrechen

von Norbert Bischofberger
min
10.07.2026
Das Glück liegt vor der Haustür: Schweizer Pilgerwege und Kulturwege mit Klöstern, Kirchen und Burgen liegen eingebettet in fantastische Naturlandschaften. Teil 1 der Sommerserie «Wandern auf spirituellen Pfaden».

Im Mittelalter brechen die Menschen am Ende ihres Lebens zu einer Pilgerreise auf. Das Ziel der Reise sind die Gräber von Vorbildern im Glauben, von Heiligen wie den Aposteln Petrus und Paulus in Rom oder von Jakobus in Santiago de Compostela. Heute hingegen ist Pilgern eine Art «Ego-Projekt» – und das ist nicht abwertend gemeint! Menschen brechen auf, um aus dem Hamsterrad des Alltags auszubrechen, um eine neue Lebensphase einzuläuten oder um eine spirituelle Erfahrung zu machen.

Rekorde auf dem Jakobsweg

Der Geheimtipp unter den Pilgerwegen ist die Via Francigena, die von Canterbury nach Rom führt und weniger begangen ist als der Jakobsweg. Die Via Francigena geht auf Sigerich den Ernsten zurück. Dieser wurde im Jahr 990 AD zum Erzbischof von Canterbury ernannt und reiste nach Rom, um sich vom Papst offiziell in sein neues Amt einführen zu lassen. Auf der Rückreise hielt er die Wegstationen bis Canterbury in einem Tagebuch fest. Seine Einträge sind die älteste Beschreibung der Via Francigena. Der Pilgerweg führt mitten durch die Schweiz vom Waadtländer Jura über die Weinberge des Lavaux am Genfersee zur Abtei von Saint-Maurice im Wallis bis hinauf zum Grossen Sankt Bernhard.

 

Blick über das Weinbaugebiet Lavaux am Genfersee. | Foto: Norbert Bischofberger

Blick über das Weinbaugebiet Lavaux am Genfersee. | Foto: Norbert Bischofberger

 

Überhaupt führt ein ganzes Netz an Pilgerwegen durch die Schweiz. Der prominenteste ist der Jakobsweg. Im Jahr 2026 sind mehr als eine halbe Million Pilger in Santiago de Compostela angekommen; es werden jedes Jahr mehr. Auf dem Jakobsweg in der Schweiz liegen die Klöster St. Gallen oder Einsiedeln, die St.-Beatus-Höhlen am Thunersee, alte Hohlwege im Schwarzenburgerland oder die Weinterrassen über dem Genfersee.

 

Sommerserie: Wandern auf spirituellen Pfaden

In unserer Sommerserie führen wir Sie zu einem religiösen oder spirituell geprägten Ort mitten in der Natur. Spiritualität wird hier niederschwellig erlebbar, fernab von Kanzel und Kirchenbank. Und wer sich partout nicht bekehren lässt, findet vielleicht trotzdem einen Moment der Stille – und sei es nur bei einem kühlen Bier zum Schluss, gerne auch alkoholfrei.

Erscheinungsdaten:
10. Juli: Aus dem Hamsterrad des Alltags ausbrechen
11. Juli: Die Höhle der Drachen: Auf dem Jakobsweg zu den Beatushöhlen
18. Juli: Auf Zwinglis Spuren durch die Wildnis: Sihlwald und Kloster Kappel
25. Juli: Zwischen Grotten, Göttern und Gemüsebeeten: Ermitage Arlesheim und Kloster Dornach
8. August: Eine Hand voll GlĂĽck in der Verenaschlucht

 

Geheimnisse und Rätsel

Neben Pilgerwegen ist die Schweiz ausserdem reich an Kulturwegen. Geheime Versammlungsorte im Wald, rätselhafte Inschriften, Hohlwege, Kapellen und ein Archiv: Einer dieser Kulturwanderwege verbindet bedeutungsvolle Orte aus der Geschichte der reformierten Glaubensgemeinschaft der Täufer im Berner Jura. Die Bewegung der Täufer wurde in der frühen Reformationszeit zu einem Sammelbecken für Gläubige, die eine radikalere Reform anstrebten als die Reformatoren.

Der sogenannte Täuferweg gehört zu den historischen «Kulturwegen Schweiz» und liegt im Tal von Saint-Imier. Auf historischen Pfaden wird nicht nur über die Geschichte der einst verfolgten Täufer informiert, sondern auch, wie sie die Landschaft der rauen Jurahügel prägten.

 

Die Täuferbrücke im Tal von Saint-Imier. | Foto: Norbert Bischofberger

Die Täuferbrücke im Tal von Saint-Imier. | Foto: Norbert Bischofberger

 

Der Erinnerungsort «Pont des Anabaptistes», auch Täuferbrücke genannt, geht auf die Pionierzeit der Täufer in der Gegend zurück. In einer Schlucht oberhalb von Corgémont feierten sie im 17. und 18. Jahrhundert unter einer Brücke bei «nächtlichen Treffen» Gottesdienste. Weitere Täuferwege gibt es im Kanton Luzern, im Berner Emmental und in Schaffhausen.

Vielfältige Kulturwege

Der Täuferweg im Kanton Schaffhausen überschneidet sich mit einem weiteren Kulturweg: dem Mozartweg. Der Schweizer Mozartweg erinnert an die Europareise der Familie Mozart und des damals zehnjährigen Wunderkindes Wolfgang Amadeus im Jahr 1766, genauer an die Rückreise von Paris nach Salzburg. Vater Leopold Mozart präsentierte dabei seine talentierten Kinder an den Höfen Europas. Die Schweizer Etappe des Mozartwegs führt von Dardagny bei Genf bis nach Schleitheim bei Schaffhausen.

Die Familie Mozart nahm sich für ihre Reise Zeit: In der Schweiz war sie zwei Monate, im restlichen Europa war sie mit Aufenthalten in einzelnen Städten insgesamt dreieinhalb Jahre unterwegs. Eine Einladung, sich Zeit für eine Entdeckung auf den vielfältigen Pilger- und Kulturwegen der Schweiz zu nehmen.

 

Der Theologe und Journalist Norbert Bischofberger arbeitet als Redaktor und Teamcoach bei Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) und ist freiberuflich als Coach, Referent und Moderator tätig.

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