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Spiritualität

Jodeln als archaisches Echo

von Vera Rüttimann
min
08.06.2026
Das 32. Eidgenössische Jodlerfest findet im Juni 2026 in Basel statt. Jodeln ist mehr als alpine Folklore: Zwischen Naturklang, Gemeinschaft und spiritueller Erfahrung berührt diese Gesangsform seit Jahrhunderten auch Fragen von Glauben und Religion. 

Der Jodlerklub Echo vom Buechibärg singt in einer Dorfkirche: «Erhalt üs Gott». Das Lied, das traditionelle Volksmusik mit christlichen Werten verbindet, berührt viele in den Bänken. Sie wohnen einer Jodlermesse bei. Bis heute gehören Jodlerchöre bei solchen Jodlermessen, bei Beerdigungen oder Bergmessen in der freien Natur zu einem gewohnten Anblick. Auch Werke wie die «Toggenburger Jodlermesse» zeigen exemplarisch, wie religiöse Texte und traditionelle Jodelmelodien perfekt harmonieren können.

Naturjodel als religiöse Erfahrung

Auch für den Schöpfer der «Toggenburger Jodlermesse», Musiker, Komponisten und Initianten der Klangwelt Toggenburg, Peter Roth, passen Jodeln und Spiritualität gut zusammen. Musik und insbesondere der Gesang besitzen für ihn eine spirituelle Kraft. «Der Jodel ist weit mehr als folkloristische Tradition», sagt er. Für den bekannten Musiker wird gerade der Naturjodel zu einer Form religiöser Erfahrung – zu einem Klangraum, in dem Mensch und Natur zu etwas Transzendentem zusammenwachsen und in Resonanz treffen.

 

Mehr als Folklore: Stimmungsbild aus einem Jodel-Gottesdienst in den Appenzeller Alpen. | Foto: Vera Rüttimann

Mehr als Folklore: Stimmungsbild aus einem Jodel-Gottesdienst in den Appenzeller Alpen. | Foto: Vera Rüttimann

In Momenten, in denen wir diese urchigen Klänge hören, kommen wir mit diesem Empfinden in uns selbst in Berührung.

Jodel als eine Form des Gebetes

«Singen ist wie zweimal beten», sagte der Reformator Martin Luther einst. Gerade der Jodel, der oft ohne Worte auskommt, wird für viele Singende zu einer besonders unmittelbaren Form der spirituellen Kommunikation. Mit uns selbst und mit etwas Göttlichem. Peter Roth beschreibt diese Erfahrung so: «In Momenten, in denen wir diese urchigen Klänge hören, kommen wir mit diesem Empfinden in uns selbst in Berührung. Eine Art Heimweh nach diesem Verbundensein wird in uns geweckt und macht uns andächtig.» Das sehe er dann auch in den Augen und den Gesichtern von Singenden und Zuhörenden. «Naturjodel wird dann als eine Art Gebet erlebt.» Mystische Traditionen kennen die Erfahrungen der wortlosen Kommunikation mit einem höheren Sein ebenfalls seit Jahrhunderten. Im Sufismus etwa wird gedreht und gesungen.

 

Peter Roth. | Foto: Vera Rüttimann

Peter Roth. | Foto: Vera Rüttimann

Naturjodel, Lockruf, Alpsegen, Juchzer, Schellen und Glocken sind Klangphänomene, die ihre Wurzeln in vorchristlichen, schamanischen Riten haben.

Ursprung des Naturjodelns

Die Ursprünge des Naturjodels sind alt. Peter Roth erläutert: «Naturjodel, Lockruf, Alpsegen, Juchzer, Schellen und Glocken sind Klangphänomene, die ihre Wurzeln in vorchristlichen, schamanischen Riten haben.» Diese Riten und Bräuche seien zuerst auf dem Hintergrund eines magisch-mythischen Bewusstseins praktiziert worden. «Dabei war die Vorstellung, dass alles in der Schöpfung, also mit Pflanzen, Tieren und den Menschen, verbunden ist. Dieses Empfinden des Verbundenseins ist natürlich auf einer Alp, während der Alpauffahrt oder der Alpabfahrt am stärksten.»

 

Foto: Vera Rüttimann

Foto: Vera Rüttimann

 

Lange belächelt, heute trendy

Lange galt Jodeln als konservativ. In urbanen Milieus wurde es belächelt. Doch diese Sicht hat sich verändert. Lang schon vor dem Dezember 2025, als das Schweizer Jodeln von der Unesco als immaterielles Kulturerbe anerkannt wurde. Musikschaffende wie Christine Lauterburg, Corin Curschellas oder Hubert von Goisern verbanden Jodel schon früh mit Jazz und elektronischer Musik. Die Sängerin spricht vom «Urschrei der Seele», der sie durch das Jodeln in andere Sphäre trage.

Junge Leute folgen nach, so wie die Jodlergruppe «Jung und zwäg». Lieder wie «Land ob de Wolke» vom Jodlerklub Wiesenberg – ein populäres, modernes Jodellied mit spirituellem Charakter – erreichen sogar die Charts.

Der Jodelgesang hat sich längst aus der rein folkloristischen Ecke gelöst und wird von vielen als kulturelles Gedächtnis einer alpinen Spiritualität verstanden, die heute noch alles durchdringen kann.

 

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