News aus dem Thurgau
Sommerserie: Wandern auf spirituellen Pfaden – Ermitage Arlesheim und Kloster Dornach

Zwischen Grotten, Göttern und Gemüsebeeten

von Noemi Harnickell
min
25.07.2026
Die Ermitage Arlesheim und das Kloster Dornach gelten als alte Kraftorte. Ein Spaziergang zeigt: Die beiden Orte lassen nicht nur überzeugte Anthroposophen Kraft schöpfen. Teil 4 der Sommerserie «Wandern auf spirituellen Pfaden».

75'000 Bovis-Einheiten soll die Erdstrahlung in der Ermitage Arlesheim messen. Für viele macht dieser Wert den englischen Landschaftsgarten zu einem aussergewöhnlichen Kraftort. Selbst SRF bezeichnet den Ort in einem Beitrag als «verwunschenes Märchenland» und «mystischen Traum in Grün».

Ich bin keine Esoterikerin und glaube nicht, dass sich Lebensenergie messen lässt. Trotzdem mache ich mich zusammen mit einer Freundin auf den Weg durch Gärten, Grotten und Ruinen, um etwas von dieser Kraft zu erfahren, von der bereits der Anthroposoph Rudolf Steiner so überzeugt war.

Der ungewöhnliche Eremit von Arlesheim

Es ist still in der Ermitage. Auf den Feldern weiden ein paar Kühe, ein Jogger läuft an uns vorbei. Wir gehen durch ein Felsentor, dann eine steile Treppe hoch, vorbei an Grotten und Höhlen. Über uns thront das Schloss Birseck, gewundene Pfade führen durch die Felsen und laden zum Entdecken ein.

 

Noch in der Grotte hinter dem Felsentor beginnt die Treppe, die auf den Weg durch die Ermitage führt. | Foto: Nicole Noelle

Noch in der Grotte hinter dem Felsentor beginnt die Treppe, die auf den Weg durch die Ermitage führt. | Foto: Nicole Noelle

 

Bei der Dianagrotte bleiben wir stehen. Was für ein mythisch-poetischer Name für eine finstere Höhle, finden wir. Sie hiess tatsächlich nicht immer so: In den 1790er Jahren wurde sie «Grotte des Verhängnisses» genannt, weil sie den Blick freigibt auf das Schlachtfeld der Schlacht zu Dornach von 1499. Erst 1812 erhielt die Grotte den Namen «Bad der Diana», da sie sich regelmässig mit Wasser füllt.

O beata solitudo, o sola beatitudo, steht etwas weiter oben in eine Felswand gemeisselt. «Oh glückselige Einsamkeit, oh einzige Glückseligkeit.» Der Spruch passt zur mit Baumrinde verkleideten Waldbruderklause, die auf einem kleinen Felsvorsprung steht. Auch ein Einsiedler soll hier drin wohnen – jedoch nicht in der Form, wie man ihn erwarten würde: Laut Website ist der Eremit von Arlesheim eine lebensgrosse Holzpuppe, die bereits im 18. Jahrhundert mit einer Automatik ausgestattet wurde. Er kann mit dem Kopf nicken, den Arm heben und sogar seine Augen bewegen. Als wir die Klause erreichen, ist die Türe jedoch verschlossen. Der Eremit bleibt weiter einsam. Glückselig einsam? Wir wissen es nicht.

 

Mit Baumrinde verkleidet steht die Waldbruderklause auf ihrem Felsvorsprung. | Foto: Nicole Noelle

Mit Baumrinde verkleidet steht die Waldbruderklause auf ihrem Felsvorsprung. | Foto: Nicole Noelle

 

«Ein grünes Disneyland»

Die Ermitage Arlesheim ist der grösste englische Landschaftsgarten der Schweiz. Der Park öffnete 1785 und zog bald Reisende aus der ganzen Welt an. Menschen aus so entlegenen Orten wie Russland, den USA oder Kanada, reisten extra nach Arlesheim, um die Ermitage zu bestaunen. Sybille von Heydenbrand, die ein Buch über die Ermitage geschrieben hat, vergleicht die Gartenanlage mit einem grünen Disneyland: «Man ist da zum Vergnügen durchspaziert, so wie man heute auch in Vergnügungsparks geht.»

Zum Garten gehörten ein Konzertsaal, ein künstlicher Wasserfall, eine Hängebrücke und eine künstliche Turmruine. Die Hauptattraktion war jedoch die Proserpinagrotte: eine dreiteilige Höhle, die symbolisch die Überwindung des Todes und den Weg der Erkenntnis zeigen sollte. In ihren beleuchteten Gängen trafen Gäste unter anderem einen Altar, Krokodile und sogar einen Drachen an.

Die Hochzeit der Ermitage währte nicht lange. 1792 lehnte sich die Landbevölkerung gegen die adlige Obrigkeit auf und steckte Teile der Ermitage in Brand. 1793 war sie fast vollständig zerstört. Erst 1812 wurde die Ermitage wieder aufgebaut und der Eindruck der alten Gartenanlage wiederhergestellt.

 

> Sommerserie: Wandern auf spirituellen Pfaden
In unserer Sommerserie führen wir Sie zu einem religiösen oder spirituell geprägten Ort mitten in der Natur. Spiritualität wird hier niederschwellig erlebbar, fernab von Kanzel und Kirchenbank. Und wer sich partout nicht bekehren lässt, findet vielleicht trotzdem einen Moment der Stille – und sei es nur bei einem kühlen Bier zum Schluss, gerne auch alkoholfrei.


Erscheinungsdaten:
11. Juli: Norbert Bischofberger: Aus dem Hamsterrad des Alltags ausbrechen
11. Juli: Auf dem Jakobsweg zu den Beatushöhlen
18. Juli: Sihlwald und Kloster Kappel
25. Juli: Ermitage Arlesheim und Kloster Dornach
8. August: Verenaschlucht

 

Englischer Garten mit chinesischen Einflüssen

Das Beeindruckende an der Ermitage: Die Pflanzen scheinen wild in alle Himmelsrichtungen zu wachsen – dabei wurde kein Strauch zufällig gepflanzt. Dahinter stecke das Konzept eines englischen Landschaftsgartens mit chinesischem Einfluss, erklärt Gartenjournalistin Brigitte Buser. «Man nimmt von der Natur und gestaltet sie dann von Menschenhand.»

Kurz bevor wir das Schloss Birseck erreichen, kommen wir an verworrenen Baumstämmen und Wurzeln vorbei. Misteln wachsen hier und auf einer kleinen Anhöhe steht der Temple Rustique. Einem Tempel sieht die bescheidene Schilfhütte heute nicht mehr ähnlich. Aber tatsächlich glauben sogenannte Geomanten, dass die Erdkräfte hier besonders stark sind und raten, nicht lange zu verweilen.

 

Ein blühender Baum überwölbt das Tor zu den Ruinen von Schloss Birseck, das seit Jahrhunderten über die Ermitage wacht. | Foto: Nicole Noelle

Ein blühender Baum überwölbt das Tor zu den Ruinen von Schloss Birseck, das seit Jahrhunderten über die Ermitage wacht. | Foto: Nicole Noelle

 

Spaziergang zum nächsten Garten

Wir steigen weiter hoch, hinauf zum Schloss Birseck, dessen Türme über die Ermitage wachen. Von dort blicken wir auf den Arlesheimer Dom in der Dorfmitte und das Goetheanum, den Sitz der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Das expressionistische Bauwerk ist leicht daran zu erkennen, dass es keine rechten Winkel hat. Rudolf Steiner, der es entworfen hatte, wollte damit «das Wesen organischen Gestaltens» zum Ausdruck bringen.

 

Vom Schloss Birseck aus schweift der Blick über das Goetheanum, dessen Bauweise ganz ohne rechte Winkel auskommt, und weit ins Tal hinein. | Foto: Nicole Noelle

Vom Schloss Birseck aus schweift der Blick über das Goetheanum, dessen Bauweise ganz ohne rechte Winkel auskommt, und weit ins Tal hinein. | Foto: Nicole Noelle

 

Vom Schloss folgen wir der Strasse zurück zum Eingang der Ermitage und zurück ins Dorf. Wir kommen vorbei an Einfamilienhäuschen und sommerlichen Gärten. Bei einem kleinen Karren mit Sonnenschirm bleiben wir stehen. In kleinen Töpfen stehen verschiedene Kräuter und frisches Gemüse zum Verkauf. Ich nehme eine Zucchini mit, die so lang ist wie mein Unterarm und stecke sie aussen in meinen Rucksack. Weiter geht’s gemütlich bergab, bis zum Bahnhof, den sich das solothurnische Dornach und das Baselbieter Arlesheim teilen. Hier, direkt neben Bahnschranke und Gleis, steht das Kloster Dornach. Ein denkbar unheiliger Ort für ein Kloster, könnte man meinen.

Ein Ruheort lebt

Das Kloster Dornach ist ein unscheinbares Gebäude. 1676 gegründet, war es bis 1990 das Zuhause der Kapuzinerbrüder. Heute ist darin die Stiftung Kloster Dornach untergebracht, in deren Stiftungsrat sowohl die katholische wie auch die reformierte Kirche vertreten ist. Die Stiftung betreibt neben einem bunt blühenden Klostergarten auch ein Hotel und Restaurant. Wer hier übernachten möchte, kann dies auch in einer ehemaligen Klosterzelle tun – schmal, schlicht, aber mit einem Namen, der Programm ist: «Hoffnung», «Liebe», «Vertrauen». Ob das schon für die versprochene Kraft reicht, oder ob es doch das Zimmer «Zweifel» bräuchte, bleibt offen.

Draussen, über dem Klostergarten, ziehen sich dunkle Wolken zusammen. Der stürmische Himmel versetzt den Garten in ein fast mythisches Licht. Der Garten erstreckt sich als Dickicht von Kräutern und Blumen, daneben wachsen Buchen und Fruchtbäume. Bänke und Stühle laden zum Verweilen ein.

 

Auf den ersten Blick wild, tatsächlich sorgfältig angelegt: Der Klostergarten von Dornach gliedert sich in Beete voller Kräuter, Blumen und Fruchtbäume. | Foto: Nicole Noelle

Auf den ersten Blick wild, tatsächlich sorgfältig angelegt: Der Klostergarten von Dornach gliedert sich in Beete voller Kräuter, Blumen und Fruchtbäume. | Foto: Nicole Noelle

 

Genau wie in der Ermitage, die zu Fuss eine halbe Stunde entfernt liegt, ist auch in diesem Dickicht nichts dem Zufall überlassen. Alle Gartenbereiche sind in vier Feldern angeordnet, die symbolisch alle vier Himmelsrichtungen abbilden. In der «Little Wilderness», wie der Schopf mit experimentellem Gartenfeld heisst, wachsen Prärie- und Heilpflanzen. Eine Handvoll metallene Kreuze mit Rosenornamenten gedenken verstorbener Brüder. Ein letzter Ruheort mitten im lebendigen Summen der Hummeln und Bienen.

 

Metallene Kreuze mit Rosenornamenten erinnern im Klostergarten an die Kapuzinerbrüder, die hier bis 1990 lebten. | Foto: Nicole Noelle

Metallene Kreuze mit Rosenornamenten erinnern im Klostergarten an die Kapuzinerbrüder, die hier bis 1990 lebten. | Foto: Nicole Noelle

 

Ich bleibe vor den Kreuzen im Gras stehen. Bovis-Einheiten habe ich keine gemessen, aber dafür bräuchte ich schliesslich ein Pendel. Und das besitze ich nicht. Aber im Summen der Bienen und im letzten Licht vor dem Gewitter verstehe ich, warum Menschen von dieser Kraft überzeugt sind. Vielleicht ist es keine Erdstrahlung, die man hier spürt, sondern einfach nur Stille, gut gestaltet.

 

Startpunkt: Arlesheim Dorf / Ermitage
Ziel: Kloster Dornach
Dauer: Ca. 1,5 Stunden mit Erkunden der Ermitage
Schwierigkeitsgrad: leicht
Highlights unterwegs: Schloss Birseck
 (Besichtigung ab Ostern bis 31. Oktober, jeweils Mittwoch und Sonntag, 14–17 Uhr), Goetheanum, Arlesheimer Dom 
Wanderkarte: Link zu Swisstopo/public.geo.admin.ch 
Einkehr: Restaurant Kloster Dornach, Spezialität: Saftige Klosterbratwurst
Anreise ÖV: Ab Basel SBB mit Tram 10 bis Arlesheim, Dorf (Richtung: Dornach, Bahnhof)
Rückreise: Ab Bahnhof Dornach-Arlesheim mit S3 bis Basel SBB (Richtung: Olten)
Tipps: Historische Führung durch die Ermitage mit Sybille von Heydenbrand: www.ermitage-arlesheim.info

Unsere Empfehlungen

Die Höhle der Drachen

Die Höhle der Drachen

Auf dem Pilgerweg zu den St.-Beatus-Höhlen begegnet man einem Drachen, einem jahrhundertealten Streit um eine Kapelle und einem Ausblick, den einst sogar Goethe genoss. Teil 2 der Sommerserie «Wandern auf spirituellen Pfaden».
Auf Zwinglis Spuren durch die Wildnis

Auf Zwinglis Spuren durch die Wildnis

Moosige Baumriesen, Lavendelduft und hart erkämpfte Siege: Wer im Wildnispark Sihlwald und rund ums Kloster Kappel unterwegs ist, kommt dem Himmel schon vor dem ersten Schluck Klosterbier ein Stück näher. Teil 3 der Sommerserie «Wandern auf spirituellen Pfaden».
Jodeln als archaisches Echo

Jodeln als archaisches Echo

Das 32. Eidgenössische Jodlerfest findet im Juni 2026 in Basel statt. Jodeln ist mehr als alpine Folklore: Zwischen Naturklang, Gemeinschaft und spiritueller Erfahrung berührt diese Gesangsform seit Jahrhunderten auch Fragen von Glauben und Religion.