News aus dem Thurgau

Dein Wille geschehe

von Esther Simon
min
29.08.2025
Wer Trost und Kraft sucht, sollte die Erzählung von Hiob lesen. Sie ist ein Lehrstück bezüglich Leidensfähigkeit, Demut und Gottvertrauen.

Hiob, ein frommer, gottesfürchtiger Mann, hat alles verloren, seine Kinder, sein Vieh, all sein Hab und Gut. Zudem plagt ihn eine schreckliche Krankheit: Sein Körper ist über und über mit schmerzenden Geschwüren verunstaltet. Wie kann Gott, der die Schöpfung liebt, ein solches Unglück auf einen Menschen niederprasseln lassen? Diese Frage stellt sich im Hiob-Buch. Sie bekommt eine klare Antwort.

Umfeld ist keine Hilfe

Nicht genug mit Hiobs Leiden. Seine Freunde giessen noch Öl ins Feuer; sie besuchen ihn und trauern mit ihm über das grosse Unglück, das über ihn gekommen ist. Aber sie sind ihm in seinem Schmerz keine grosse Hilfe, ganz im Gegenteil: Sie beginnen zu reden und unterstellen Hiob, er habe sich wohl schwer versündigt und werde dafür nun von Gott bestraft.

Und Hiobs Frau redet Hiob zu, von Gott abzulassen. Hiob indessen ist sich keiner Sünde bewusst. Er will Gott vor Gericht bringen. Gott antwortet im Wettersturm: «Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sag es mir, wenn du so klug bist… Bist du gewesen, wo der Schnee herkommt… Kannst du deine Stimme zu der Wolke erheben, damit dich die Menge des Wassers überströme? … Kannst du dem Ross Kräfte geben und seinen Hals zieren mit einer Mähne? … Fliegt der Adler auf deinen Befehl so hoch?»

Hiob geht ein Licht auf: Gott ist der übermächtige Schöpfer der Welt. Seiner Weisheit und Stärke verdankt sich alles Leben. Hiob kommt sich ganz klein vor. «Ich erkenne, dass du alles vermagst und nichts, das du dir vorgenommen hast, ist dir zu schwer. Darum habe ich unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe… Ich hatte von Dir nur vom Hörensagen vernommen, aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum spreche ich mich schuldig und tue Busse in Staub und Asche.» (Hiob 42)

 

+++ Hiob im Lazarett +++

Wie die Polizei erst jetzt mitteilt, haben vor einer Woche vier Beduinen einen halb verhungerten Mann im Negev gefunden. Da der Mann überdies verwirrt und in einem sehr schlechten körperlichen Zustand war, brachten die Beduinen den Bemitleidenswerten ins nächstgelegene Lazarett.

Dort verzweifelten die Ärzte schier am Zustand des Mannes, weil die Geschwüre, die seinen ganzen Körper bedeckten, einfach nicht heilen wollten. Zudem gab der Mann an, er heisse Hiob, stamme aus dem Land Uz und sei Opfer eines Paktes zwischen Gott und dem Teufel geworden.

Nachforschungen auf dem zuständigen Polizeiposten ergaben tatsächlich, dass dieser Hiob alle seine Kinder und alle seine Habe verloren hatte. Die Ärzte dachten, dass so einer ja verrückt werden müsse und betrachteten seine Geschwüre mit umso grösserem Interesse.

Da, nach ein paar Tagen, war Hiob gesund. Wie es in der Polizeimeldung weiter heisst, lobten darauf Hiob und alle Ärzte und Polizisten Gott. Sie waren überzeugt, dass kein anderer ausser Gott Hiob geheilt hatte.

Bibeltext zum Nachlesen (Hiob 1-42)

 

Keine Gesundheitsgarantie

«Nichts, was hier geschieht, geschieht ohne das Wissen Gottes. Gottes Macht und Weisheit und Grösse übersteigt alles Menschenmögliche», schreibt der deutsche Theologe Christoph Dinkel in einer Göttinger Predigt. Es sei deshalb absurd, wenn der Mensch versuche, Gott zur Rechenschaft zu ziehen. Als Menschen stehe es uns nicht an, den allmächtigen Schöpfer nach seiner Gerechtigkeit zu fragen.

Hiob sagt: «Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen, der Name des Herrn sei gelobt.» Diese Lösung könne man nicht einfach von der Hand weisen, schreibt Pfarrer Dinkel. Unsere menschliche Perspektive sei tatsächlich zu begrenzt, um alles zu verstehen, was in dieser Welt vor sich geht. «Angesichts der Grösse und der Komplexität der Schöpfung scheinen die Glücksansprüche eines einzelnen Menschen an sein Leben reichlich vermessen. Es gibt keine Garantie für ein langes Leben in Gesundheit.»

Auf der Seite der Leidenden

Heute noch suchen verzweifelte Menschen im Buch Hiob Trost. Das hat mit dem überraschenden Ende dieses Lehrstückes zu tun. Obschon Hiob Gott vor Gericht ziehen wollte und am Ende doch klein beigeben und alles zurücknehmen musste, erhält Hiob Recht von Gott. Das Buch Hiob nehme das Leiden in jeder Hinsicht ernst, betont Pfarrer Dinkel. Mit unserer Verzweiflung und unserem Schmerz könnten wir uns an Gott wenden.

«Wir können ihn verfluchen und gegen ihn anrennen, so hart wir wollen. Gott wird uns Recht geben. Er steht auf der Seite der Leidenden und ist ihnen treu mit seiner Liebe.» Der Heidelberger Altphilologe Jonas Grethlein erwähnt in seinem Buch «Hoffnung» den mittelalterlichen Mönch Abaelard, der seine Leiden erzählt, um Trost zu spenden.

Der Leser soll erkennen, wie geringfügig seine Schmerzen sind im Vergleich zu dem, was Abaelard ertragen musste. Bei allem Leid war auch der Mönch überzeugt, «dass die übergrosse Güte Gottes es niemals zulässt, dass irgendetwas ohne Bestimmung geschieht. Was sich auch immer an Widersinnigem ereignet, Gott selbst führt es zum besten Ende. Darum ist es richtig, dass man überall an ihn die Worte richtet: Dein Wille geschehe.»

 

«Lernort» Tatort

«Obwohl der Mensch im Vergleich zu Gottes Allmacht unendlich klein ist, hat der doch das Recht, Gott anzuklagen und mit ihm zu hadern», schreibt der Theologe Christoph Dinkel.

«Das ist das Befreiende und Tröstende an der Geschichte Hiobs: Der leidende und klagende Mensch, der an seinem Unglück und am Unglück in der Welt verzweifelt und zu Gott schreit, dieser Mensch bekommt von Gott Recht. Der allmächtige Gott ermutigt den leidenden Menschen, auf Gottes Gerechtigkeit, auf Gottes Gnade und Liebe zu bestehen, auch wenn aktuell aller Anlass zum Verzweifeln besteht.»

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