News aus dem Thurgau
Oscar-Verleihung

Eine Ahnung von Freiheit – die iranische Filmszene und ihr grosser Mut

von Patrick Seyboth/epd
min
13.03.2026
Filmschaffende im Iran zeigen einen ungeheuren Mut, sie thematisieren Unterdrückung, Folter, Korruption. Und riskieren Repressionen und harte Strafen. Zwei Filme sind für die diesjährigen Oscars nominiert.

Die Lage im Iran könnte auch bei der 98. Oscar-Verleihung am 15. März in Los Angeles Thema werden – selbst unabhängig von den neuesten Entwicklungen. Denn iranische Filme haben gleich drei Chancen auf Auszeichnungen: «Cutting Through Rocks» von Sara Khaki und Mohammadreza Eyni ist in der Sparte Dokumentarfilm nominiert. Es ist das Porträt einer Frau, die sich in einem iranischen Dorf für die Rechte von Mädchen einsetzt und ein selbstbestimmtes Leben lebt. Und Jafar Panahis «Ein einfacher Unfall» ist unter den Nominierten in den Kategorien Bester fremdsprachiger Film und Bestes Drehbuch. Eine Auszeichnung wäre auch ein politisches Signal.

 

 

Panahi wurde bereits für Filme wie «Taxi Teheran», den er ohne Genehmigung drehte, gefeiert - und bestraft. Mit «Ein einfacher Unfall» hat er seinen zweiten, siebenmonatigen Gefängnisaufenthalt verarbeitet. Der Film macht in teils ernstem, teils schwarzhumorigem Ton offen die Folterpraxis im Iran zum Thema: Automechaniker Vahid glaubt eines Tages jenen Mann wiederzuerkennen, der ihn im Gefängnis quälte, und entführt ihn. Er sammelt andere ehemalige Häftlinge um sich – ein zusammengewürfeltes Tribunal, das um Fragen von Wahrheit, Recht und Rache ringt und so vielleicht schon eine Zukunftsperspektive einnimmt: Denn ähnliche Fragen würden sich stellen, wenn die Zeit der Mullahs irgendwann vorüber sein sollte.

Co-Autor von «Ein einfacher Unfall» festgenommen

Knapp zwei Monate ist die blutige Niederschlagung der Massenproteste im Januar mit mutmasslich Zehntausenden Toten her. Anfang Februar wurde auch Panahis Mitautor am Drehbuch von «Ein einfacher Unfall», Mehdi Mahmoudian, festgenommen, zunächst ohne klare Anklage, wahrscheinlich aber wegen der Unterzeichnung einer Protestnote gegen die Gewalt.

Kritische Filmschaffende im Iran haben in letzter Zeit ungeheuren Mut bewiesen, trotz brutaler Sanktionen, die von Passentzug über Haftstrafen bis hin zu Peitschenhieben reichen können. Zu Zeiten des «Übervaters» des neuen iranischen Kinos, Abbas Kiarostami (1940–2016), prägten subtile, oft metaphorische Anspielungen die Filme. Und noch in den beiden bisherigen iranischen Oscar-Preisträgern «Nader und Simin» (2011) und «The Salesman» (2017), beide von Asghar Farhadi, ist diese zwar gesellschaftskritische, doch nicht offen konfrontative Haltung spürbar. Das hat sich nun verändert.

Filmschaffende sagen: Da mache ich nicht mehr mit

So werden die strengen Regeln der Sittenpolizei häufiger gebrochen, mal beiläufig, mal ostentativ – beispielsweise gehen viele Frauen jetzt das Risiko ein, Szenen ohne Kopftuch zu spielen. Amin Farzanefar ist Leiter des Filmfestivals «Visions of Iran» in Köln und hat beobachtet: «Insbesondere seit den 'Frau, Leben, Freiheit'-Protesten im Jahr 2022 sagen Filmschaffende immer öfter: Da mache ich nicht mehr mit. Filme sollen die Realität zeigen, und wir drehen sie so, wie wir es für richtig halten, nicht die Zensur.»

Mit erstaunlicher Deutlichkeit thematisieren neuere Filme Repression, Bigotterie, Behördenwillkür und Korruption. Einige fanden breite internationale Anerkennung, etwa Mohammad Rasoulofs «Die Saat des heiligen Feigenbaums», der vom Zerfall einer Familie angesichts der 2022er Proteste erzählt: der Vater regimetreuer Richter, seine Töchter auf der Seite des Protests.

Solche Filme zu produzieren, erfordert Erfindungsreichtum. Oft wird heimlich gedreht und das Werk an den Behörden vorbei ins Ausland geschmuggelt. Panahi drehte seinen Film höchst mobil, immer zur Flucht bereit: Hauptschauplatz ist der Van, in dem Vahid den Entführten versteckt hat.

 

«Cutting Through Rocks» von Sara Khaki und Mohammadreza Eyni ist in der Sparte Dokumentarfilm nominiert.

 

14 Monate Haft fĂĽr kritische Filmschaffende

Einen vergleichsweise zärtlichen Film, der aber nonchalant Tabus der patriarchalen Gesellschaft angreift, haben Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha 2024 mit «Ein kleines Stück vom Kuchen» geschaffen. Es geht um eine 70-jährige Witwe, die nicht einsieht, warum sie für den Rest ihres Lebens allein bleiben soll, und die Initiative ergreift: Sie erlebt eine wunderbare, wenn auch kurze Romanze mit einem Taxifahrer. Ganz beiläufig wirkt eine Szene, in der sie im Park Sittenwächter davon abhält, eine junge Frau wegen einer sichtbaren gefärbten Haarsträhne abzuführen. «Du musst für dich einstehen. Je unterwürfiger du bist, desto mehr unterdrücken sie dich», rät die alte Dame dem Mädchen. Sanaeeha und Moghaddam wurden im April 2025 zu 14 Monaten Haft und einer Geldstrafe verurteilt, wegen «Propaganda gegen die Islamische Republik».

Die Möglichkeit von Freiheit und Offenheit

In Werken wie ihrem lässt sich eine andere iranische Gesellschaft ahnen – die Möglichkeit von Freiheit und Offenheit. Noch klarer spiegelt sich die Rebellion in Ali Ahmadzadehs surrealer Ballade «Critical Zone», 2023 mit dem «Goldenen Leoparden» in Locarno ausgezeichnet: Ein Dealer rast mit einer Kundin durch die Teheraner Nacht. Sie lehnt sich bekifft bei voller Fahrt aus dem Autofenster, lässt die Haare im Wind wehen und brüllt die Hauptstadt an: «Fuck you! Fuck you! Yes, fuck you!»

Und in «Inside Amir» von Amir Azizi ist ein junger Mann sich nicht sicher, ob er seiner Freundin nach Europa folgen oder im Iran bleiben soll. Szenen voll bittersüsser Melancholie, mit ausgedehnten Fahrradtrips durch die Stadt und Partys mit Freunden, erzählen vom Jungsein, wie es genauso in Paris oder Berlin aussehen könnte.

«Einige Filmemacher wie etwa Panahi und Rasoulof sind international sichtbar, weil sie auf den grossen Festivals stattfinden», sagt Amin Farzanefar. «Man sollte aber nicht vergessen, dass im Iran noch so viele andere Menschen ebenfalls Filme machen, von denen wir gar nichts mitbekommen, auch viele kritische. Und manche kommen davon. Andere landen im Gefängnis.»

 

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