News aus dem Thurgau

Einwirkungen – Auswirkungen

von Heinz Mauch-Züger
min
01.08.2026
Man nennt sie Ewigkeitschemikalien, weil sie sich in der Natur nicht abbauen und umwandeln in Teilstoffe, die sich dann wieder in den Kreislauf eingliedern. Das Kürzel heisst PFAS* und löst Unsicherheit aus.

Wo sie herkommen

PFAS sind Bestandteile von wirtschaftlichen Herstellungsprozessen. Beispielsweise bei den Beschichtungen von Kleidern und Pfannen, in Fast-Food Verpackungen, in Teppichen und Möbelstoffen als Dichtungs- und Antihaftstoffe, in Feuerlöschmitteln, bei der Papierherstellung. Sie erfüllen in vielen Produkten einen wichtigen Zweck und sind in der industriellen Herstellung etabliert und von daher kostengünstig. Alternativen sind machbar, jedoch aufwändig.

Wo sie hingehen

Durch den alltäglichen Gebrauch und durch die normale Alterung von Materialien und deren Entsorgung geraten die PFAS-Verbindungen in die Umwelt und damit in die Gewässer und die Böden. Dort werden sie via Futter und Pflanzenverarbeitung aufgenommen und kehren zum Menschen zurück.

Wir haben für das Appenzellerland mit den politisch Verantwortlichen und mit einem Vertreter von Betroffenen gesprochen. Stand der Informationen ist Juni 2026.

Die Seite der Politik

Schriftliche Fragen an Regierungsrat Yves Noël Balmer, Departement Gesundheit und Soziales

Wie beurteilt die Regierung den Stand der Entwicklung zum Thema PFAS?

PFAS kam vor 20 bis 40 Jahren auf die Wiesen und Weiden in Appenzell Ausserrhoden. Der Regierungsrat hat grossen Respekt vor der PFAS-Thematik. Es betrifft viele Sektoren, insbesondere die Lebensmittelsicherheit, die öffentliche Gesundheit, die Landwirtschaft sowie die Umwelt. Die PFAS-Herausforderung muss daher zwingend interdisziplinär betrachtet werden.

Gibt es Erkenntnisse welche mögliche Vorgehensszenarien wahrscheinlicher werden lassen?

Wir stehen am Anfang eines mutmasslich sehr weiten und mühseligen Weges. Die Kontaminierung der landwirtschaftlich genutzten Flächen ist sehr individuell. Bei einzelnen Betrieben reichen einfache Massnahmen aus. Bei anderen Betrieben, bei denen die grosse Mehrheit der Weideflächen stark kontaminiert ist, stehen wir vor sehr grossen Herausforderungen. Wir lernen jeden Tag dazu.

Sind PFAS einfach nur schädlich oder gibt es Unterschiede?

Wir konnten feststellen, dass Unterschiede bestehen, ob Klee oder nur Gras wächst. Klee scheint PFAS geringer aufzunehmen als Gräser. Da nicht jeder einzelne Kanton Forschung betreiben kann, hoffen wir auf den Aktionsplan des Bundes. Die Schweiz hat mit Agroscope und der ETH hervorragende Forschungsinstitute, welche sich koordiniert verstärkt der PFAS-Herausforderung annehmen sollen.

Gibt es einen Austausch unter den Kantonen, um einen Konsens für eine Vorgehensweise zu erreichen?

Es gibt mittlerweile verschiedene Austausch-Gremien. Auf Bundesebene tauschen sich die Landwirtschaftsdirektorenkonferenz LDK und die Gesundheitsdirektorenkonferenz GDK intensiv aus. In der Ostschweiz tagt monatlich unter meinem Vorsitz das PFAS Koordinations-Gremium der Kantone St.Gallen, Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden und dem Thurgau. In diesem Gremium sind Vertretungen der Regierungen sowie der zuständigen Ämter vertreten.

Die kirchliche Seite wurde mit der Schaffung eines «Sorgentelefons» in den Umgang mit der Problematik eingebunden. Welche Überlegung stand hinter diesem Vorgehen?

Der Regierungsrat von Appenzell Ausserrhoden ist sich sehr bewusst, welche Herausforderungen PFAS für die Bäuerinnen und Bauern bedeutet. In einzelnen Fällen entstehen Existenzängste. Mit dem PFAS-Sorgentelefon finanzieren wir ein Angebot, welches den Bäuerinnen und Bauern im Bereich der Seelsorge unterstützend zur Verfügung steht.

Was sind "PFAS"?

PFAS sind künstlich hergestellte Stoffe, die es in der Natur nicht gibt. Sie gehören zu den «Kunststoffen», die durch ihre Zusammensetzung in der Natur extrem schwer abbaubar sind. Deshalb werden sie auch «Ewigkeitschemikalien» genannt. Das Kürzel PFAS steht für die längere Bezeichnung «Per- und Polyfluorierte Alkysubstanzen», was dem Laien nicht viel sagt.

Die Seite der Betroffenen

Auszüge aus dem Gespräch mit Matthias Tobler, Co-Betriebsleiter, Landwirtschaftsbetrieb in Wolfhalden

Es wird deutlich, dass im Appenzellerland die PFAS-Prioritäten im Bereich der Landwirtschaft liegen. Wie zeigt sich die Situation aus bäuerlicher Sicht?

Generell wird mehr und mehr deutlich, dass PFAS sich in vielen Stoffen befindet und der Bereich der Landwirtschaft nur einen Teil des Themas abdeckt. Da Nahrungsmittel eine Grundbedingung des Überlebens darstellen, haben sie ein entsprechendes Gewicht.

Wie hat das in unserer Region eigentlich angefangen?

Ursprung in der Region war ein Feuerwehreinsatz bei der Firma Alcan, wo Löschschaum in ein Gewässer gelangte. Es stellte sich heraus, dass es jedoch auch noch oberhalb der Einsatzstelle der Feuerwehr PFAS im Wasser vorhanden war. Das führte dann hinauf bis in die Höhen des Vorderlandes.

War für die Bauern die Feststellung von PFAS in Gewässern und Böden ein Schock?

Grundsätzlich sind sich die Bauern in gewissem Sinne daran gewöhnt, dass dauernd etwas auftauchen kann. Bei PFAS läuft es ähnlich wie bei Vorkommnissen wie dem Rinderwahnsinn, der Vogelgrippe, dem Feuerbrand, der Blauzungenkrankheit oder bei Corona. Man hat ein Ereignis oder ein Ergebnis, es wird medial an die Öffentlichkeit gebracht und sofort wächst der Handlungsdruck auf die zuständigen Stellen.

Was ist daran fragwürdig?

Wie gesagt, die Bauern mussten sich bereits in der Vergangenheit mehrmals mit Gefahrenszenarien beschäftigen. Die Erfahrung ist, dass rasches Handeln nach aussen zwar positiv wirkt, dass jedoch die Grundlagen für das Handeln alles andere als gesichert sind. Im Bereich von Seuchen verfügt man mittlerweile über Erfahrungen und Resultate. Man weiss dort jedoch auch, dass es immer wieder unangemessene Reaktionen gab. Seit Corona kennen das nicht nur die Landwirte.

PFAS ist ja keine Seuche, wie sieht es da aus?

Auch hier gibt es Entwicklungen, die frühere Annahmen relativieren. Pflanzen die PFAS nicht gleich aufnehmen und Tiere, bei denen das ebenfalls der Fall ist. Ein grundlegendes Problem sind die sogenannten Grenzwerte. Diese verfügen oftmals nicht über die Hintergünde, welche deutliche Aussagen und Handlungsweisen möglich machen.

Und was heisst das für die Lösung des Problems?

Das heisst einmal mehr, dass man nicht zu rasch irgendwelche Massnahmen ergreift, die fundamentale Auswirkungen auf die Betroffenen haben. PFAS sind nun bereits Jahrzehnte Teil unserer Nahrungsaufnahme. Nicht nur in der Schweiz. Im Unterschied zu einem unbekannten Virus besteht hier weniger Druck.

Wie erlebst du das Vorgehen in Ausserrhoden?

Hier erlebe ich es, im Unterschied zum Kanton St. Gallen, als sehr pragmatisch und nicht übereilt. Das Problembewusstsein ist hoch, doch man handelt nicht einfach plakativ, sondern sucht differenzierte Lösungen, welche den Betroffenen auch Handlungsspielraum ermöglichen.

Es kann jedoch auch bei uns zu Betriebsschliessungen kommen?

Ganz ausschliessen kann man das nicht. Es geht jedoch wirklich darum, ob es Möglichkeiten gibt, beispielsweise durch Vermischungen von sauberem mit belasteten Stoffen, Grenzwerte zu unterschreiten und so Gefahren zu minimieren.

Ja, aber dann ist das PFAS immer noch da!?

Selbstverständlich. Es ist schon seit Jahrzehnten da und es wird noch lange da sein. Daran sollten wir uns gewöhnen. Das heisst nicht, dass man nichts tun kann. Doch das betrifft nicht einfach die Landwirtschaft, das betrifft dann auch die Wirtschaft mit Herstellungsprozessen, die angepasst werden müssen und uns alle als Konsumenten beim Kauf von Produkten. Wir werden sehen.

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