News aus dem Thurgau

Fruchtbares Miteinander von Dialekt und Hochdeutsch

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20.03.2016
FELBEN-WELLHAUSEN TG. Welche Rolle spielen Mundart und Hochdeutsch in der Kirche? Ist die populäre Familientisch- und Pausenhof-Auffassung «Dialekt ist die Sprache des Herzens, Hochdeutsch die Sprache des Intellekts!» reine Glaubenssache? Susanne Oberholzer ist solchen Fragen wissenschaftlich nachgegangen.

Von Brunhilde Bergmann

F├╝r ihre Dissertation ┬źZwischen Standarddeutsch und Dialekt. Untersuchung zu Sprachgebrauch und Spracheinstellungen von Pfarrpersonen in der Deutschschweiz┬╗ wurde Susanne Oberholzer letzten November von der Universit├Ąt Z├╝rich die Doktorurkunde ├╝berreicht. Die aus Felben-Wellhausen stammende Linguistin lebt und arbeitet seit Januar 2015 in M├╝nchen. Sie konnte f├╝r ihre wissenschaftliche Untersuchung, die sich ├╝ber rund f├╝nfeinhalb Jahre erstreckte, auf die Angaben von fast 700 Pfarrerinnen und Pfarrern der katholischen und evangelischen Landeskirchen in der Deutschschweiz zur├╝ckgreifen. Die Sprachforscherin hat Tonaufnahmen in Gottesdiensten, Interviews mit Pfarrpersonen und in f├╝nf Kantonen eine Onlinefragebogenaktion durchgef├╝hrt. Der grosse R├╝cklauf von ├╝ber 60 Prozent zeigt, dass ihr Forschungsthema auf breites Interesse st├Âsst.

Bereits im Studium hat sich die Thurgauerin mit Schweizer Hochdeutsch besch├Ąftigt. F├╝r die Doktorarbeit entschied sie sich, einen jener Bereiche zu untersuchen, in denen neben Dialekt auch Hochdeutsch gesprochen wird: die Kirche. Die Sprachformenfrage ist hier aus verschiedener Hinsicht interessant: Pfarrpersonen mussten in ihrem Studium Bibeltexte fast ausschliesslich auf Hochdeutsch auslegen, wie gehen sie mit Dialekt und Standarddeutsch im Berufsalltag um? Welche Rolle spielen zum Beispiel Dialektbibeln? Welchen Einfluss hat die Gemeindezusammensetzung auf die Sprachwahl? Setzen Pfarrpersonen die beiden Sprachformen bewusst in Gottesdienst ein, um N├Ąhe ÔÇô oder auch Distanz ÔÇô zu schaffen?

Die Resultate der Studie zeigen: Dialekt und Hochdeutsch werden beide im Gottesdienst verwendet, beide Sprachformen spielen eine wichtige Rolle, werden aber in der Tendenz unterschiedlich eingesetzt: Hochdeutsch dort, wo ├╝bernommener Text, vor allem aus der Bibel, dominiert, Dialekt eher, wenn die Pfarrpersonen den gesprochenen Text frei formulieren. Wechsel von Dialekt zu Hochdeutsch und umgekehrt lassen sich in der Regel einordnen: beispielsweise wenden Pfarrpersonen sogenannte Code-Switchings bewusst an, um Zitate zu markieren.

Die Resultate zu den Spracheinstellungen haben Susanne Oberholzer wenig ├╝berrascht: Die Pfarrpersonen bilden keine homogene Gruppe, sie beurteilen Dialekt und Hochdeutsch unterschiedlich. Was aber auff├Ąllt: Nur wenige sch├Ątzen Hochdeutsch als Fremdsprache ein, beziehungsweise relativieren diese ├äusserung in den Interviews durch sehr differenzierte Einstellungen. Es zeigt sich, dass die Beurteilung von Hochdeutsch auch stark von der pers├Ânlichen Sprachbiographie abh├Ąngt.┬á

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