Hinsehen, zuhören, handeln
Spätestens seit der Pandemie ist deutlich geworden, wie stark Jugendliche psychisch unter Druck stehen. Jugendpsychiatrische Dienste sind vielerorts überlastet, Wartezeiten von mehreren Monaten keine Seltenheit. Doch die Entwicklung begann früher: Mit dem zunehmenden Einfluss von Social Media, steigendem Leistungsdruck und sozialen Unsicherheiten hat sich die Lage schleichend verschärft.
Statistiken zeigen die Dimension: Psychische Erkrankungen sind heute eine der häufigsten Ursachen für Spitalaufenthalte bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Suizid zählt bei 15- bis 19-Jährigen zu den häufigsten Todesursachen. Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, Mobbing und dauerndes Vergleichen in sozialen Netzwerken belasten viele junge Menschen zusätzlich. Diese Realität zeigt sich auch im Alltag der Jugendarbeit.
Zwischen Nähe und Verantwortung
Jugendarbeit ist niederschwellig, beziehungsorientiert und nah am Leben junger Menschen. Genau das macht sie zu einem wichtigen Faktor. Jugendliche öffnen sich dort, wo sie ernst genommen werden und jemand zuhört. Gleichzeitig bringt diese Nähe eine grosse Verantwortung mit sich. Jugendarbeitende sind keine Therapeutinnen und Therapeuten – und müssen es auch nicht sein.
Der landeskirchliche Erste-Hilfe-Kurs für psychische Gesundheit mit dem Fokus auf Jugendliche setzt genau hier an. Er vermittelt konkrete Werkzeuge: Warnsignale erkennen, wertfrei ansprechen, Sicherheit geben und Betroffene ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Besonders wichtig ist dabei das Wissen um die eigenen Grenzen. Je höher der Leidensdruck, je länger die Dauer und je grösser die Gefahr, desto klarer braucht es fachliche Unterstützung. Die Jugendarbeit kann dabei Brücken bauen.
Wichtig sind tragende Beziehungen
Ein zentraler Punkt für psychische Gesundheit ist soziale Unterstützung. Studien zeigen, dass tragende Beziehungen das Risiko für psychische Erkrankungen deutlich senken. Hier liegt eine besondere Stärke der kirchlichen Jugendarbeit: Gemeinschaft, Verlässlichkeit und ein offenes Ohr.
Seelsorge geschehe dabei oft ganz selbstverständlich, wie Thomas Alder aus seiner langjährigen Erfahrung in der Jugendarbeit weiss: im Gespräch auf einer Wanderung, am Lagerfeuer, beim gemeinsamen Essen oder im Austausch über Lebens- und Glaubensfragen. Oft sei ihm dabei der Satz nach einem Gespräch begegnet: «Ich weiss gar nicht, wieso ich dir das erzählt habe».
Zuhören ist also ein Schlüssel. Der Glaube kann zusätzlich Halt geben: Hoffnung, Sinn und Zuversicht wirken stabilisierend, besonders wenn sie von einer Gemeinschaft getragen werden.
Aufmerksamkeit ist gefragt
Die grosse Nachfrage nach dem Kurs über psychische Gesundheit zeigt, wie präsent das Thema ist. Jugendarbeitende wollen hinschauen, verstehen und unterstützen, ohne sich selber zu überfordern.
Sensibilisierung, praktische Kompetenzen und das Bewusstsein für die eigenen Grenzen sind dafür entscheidend. Nicht mehr Angebote sind gefragt, sondern mehr Aufmerksamkeit: Das bestätigen auch verschiedene Stimmen von Kursteilnehmenden.
Claudia Zaugg, Sozialdiakonin und Jugendarbeiterin in Weinfelden, will sich Sicherheit aneignen und wissen, «wie ich bei psychischen Problemen von Jugendlichen vorgehen kann». (Bild: Claudia Koch)
Mathias Hüberli ist Jugendarbeiter in Wängi und bestätigt die Wichtigkeit von Angeboten wie Lagern: «Dadurch, dass wir einen anderen Zugang zu Jugendlichen haben, getrauen sie sich eher, ein Problem anzusprechen.» (Bild: Claudia Koch)
Diakonin Kendra Philipp aus Egnach stellt fest, «dass die Jugendlichen schwer nachdenklich sind und sie viel bewegt. Ich möchte dies mit dem Erlernten auffangen.» (Bild: Claudia Koch)
Auch Pfarrer und Dekan Andreas Reich aus Alterswilen hat dazugelernt: «Ich möchte mein Wissen auf den neuesten Stand bringen, neue Erkenntnisse gewinnen, aber auch bestätigt werden, was gut läuft.» (Bild: Claudia Koch)
Hinsehen, zuhören, handeln