News aus dem Thurgau

Hochsensibilität: Segen oder Fluch?

von Georg Stelzner
min
10.01.2026
Eine Seltenheit ist Hochsensibilität nicht. Sie kommt häufiger vor, als man vermuten würde. Es ist keine Krankheit, sondern eine Veranlagung, die etwa jeder fünfte Mensch hat. Je nachdem, wie Betroffene damit umgehen, kann sie bereichernd oder belastend sein – gerade in Kirchgemeinden.

Seminar von Tecum zum
Thema «Hochsensibilität»
für Direktbetroffene:
Samstag, 21. Februar 2026,
9 Uhr, bis Sonntag, 22.
Februar. 12.15 Uhr,
Kartause Ittingen, Warth.

Mehr Infos über das
Seminar auf der
Tecum-Website.

Anmeldefrist bis 8. Februar.

 

Man sieht es Renate Maron nicht an und sie selbst hat auch erst seit einigen Jahren Gewissheit: Die 68-jährige Arbonerin ist hochsensibel und hat zunächst gelernt, mit dieser Veranlagung umzugehen und sie dann zum eigenen Vorteil zu nutzen. Doch das gelang nicht von einem Tag auf den andern. Den Begriff «Hochsensibilität» mag Renate Maron nicht, lässt er doch höchst unterschiedliche, divergierende Interpretationen zu. Im besten Fall wird hochsensiblen Personen (HSP) ein hohes Mass an Empathie bescheinigt, bei weniger wohlwollenden Zeitgenossen geraten sie schnell einmal in den Ruf, mimosenhaft oder esoterisch angehaucht zu sein. «Ich spreche lieber von Hochsensitivität», sagt Renate Maron, die vor ihrer Pensionierung als Kosmetikerin, Erwachsenenbildnerin und Schwimminstruktorin gearbeitet hat.

 

Reize überdurchschnittlich wahrnehmen

Hochsensible oder – um mit Renate Maron zu sprechen – hochsensitive Menschen zeichnet eine überdurchschnittliche Empfänglichkeit für innere und äussere Reize sowie ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen aus. Diese Veranlagung bewirkt, dass HSP ein Vielfaches an Informationen aufnehmen und akkurat verarbeiten können. Bezogen auf den Alltag, bedeutet das: Erlebnisse und Beobachtungen beschäftigen diese Menschen länger und intensiver. Augenzwinkernd sagt Renate Maron denn auch: «Wenn ich ein Konzert besuche oder in ein Museum gehe, müsste ich eigentlich einen höheren Eintrittspreis bezahlen, weil ich mehr erlebe und einen grösseren Genuss habe.»

Reizüberflutung meistern

Die Hochsensibilität kann auch negative Seiten haben. Als 20-Jährige habe sie zum ersten Mal gemerkt, dass sie Situationen anders erlebt als ihre Kolleginnen und Kollegen, erzählt Renate Maron. Ein unbeschwerter, belangloser Small Talk war zum Beispiel nicht ihr Ding. Sie nahm dieses Anderssein zur Kenntnis, ohne sich darüber gross Gedanken zu machen. Vielmehr eignete sie sich Strategien an, um eine Reizüberflutung zu meistern, sich selbst zu schützen und neue Kraft zu schöpfen. Das sollte auch in den folgenden Jahrzehnten so sein. Der eigenen Hochsensibilität kam Renate Maron erst durch die Lektüre von Fachliteratur auf die Spur. «Das war eine ausserordentliche Erleichterung», sagt sie, eine Erkenntnis besonders betonend: «Es gibt viele Leute wie mich – und wir sind alle normal.» Je mehr Renate Maron über ihre Veranlagung lernte, desto bewusster konnte sie den Alltag und die Gesellschaft wahrnehmen.

 

Schonungslos ehrlich

Die Arbonerin steht zu ihrer Veranlagung, welche sie heute als bereichernd empfindet. Auf dem Weg dahin habe es aber einer gehörigen Anstrengung, einer gewissenhaften Reflexion und einer schonungslosen Ehrlichkeit gegenüber der eigenen Person bedurft. Renate Maron fühlt sich jetzt als wertvoller, gleichberechtigter Teil der Gesellschaft und möchte auch so behandelt werden: «Ich bin ein ganz durchschnittlicher Mensch mit meinen Merkmalen, so wie andere Menschen besondere Merkmale haben.» Sie ist überzeugt, dass die Gesellschaft hochsensible Frauen und Männer in der heutigen Zeit mehr denn je braucht – gewissermassen als ausgleichende Akteure und ruhende Pole. «Nur mit Alphatieren funktioniert die Weltordnung nicht», ist sie überzeugt. Hochsensiblen Menschen sei es ein Bedürfnis, die Welt humaner zu gestalten. Dabei müssten sie sich aber aus Gründen des Selbstschutzes davor hüten, instrumentalisiert zu werden.

Immer noch Schattendasein

Ein Hit von Falco hiess «Out of the Dark (into the Light)» (Aus dem Dunklen ins Licht). Der Song-Titel beschreibt exakt das, was Renate Maron erreichen möchte. «Meine Beobachtung ist, dass HSP noch immer ein Schattendasein fristen. Ich möchte mithelfen, diese Menschen zu ermutigen, selbstbewusst zu ihrer Verlangung zu stehen und darüber zu sprechen.» Deshalb organisiert auch Tecum, das Zentrum für Bildung und Spiritualität der Evangelischen Landeskirche Thurgau, zum wiederholten Mal ein Seminar über Hochsensibilität. Das entspricht offenbar einem grossen Bedarf. Denn: Noch mangle es in unserer Gesellschaft an Akzeptanz und Verständnis, stellt Renate Maron fest. Sie weiss aus eigener Erfahrung, dass es möglich ist, die vermeintlichen Schwächen in gewinnbringende Stärken umzuwandeln. Ausser entsprechenden Ratgebern in Buchform hat sie für Betroffene auch einen persönlichen Rat: «Mir half mein Humor über viele Lebenssituationen hinweg. Es geht einfacher, wenn man Dinge leichter gewichtet.»

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