News aus dem Thurgau

Kirche wächst als Treffpunkt

von Inka Grabowsky
min
30.04.2026
Es ist nur ein kleiner Mosaikstein, der den Open Place in Kreuzlingen verschönert. Doch der neue Hochbeet-Grill-Tisch zwischen Küche und Kirche markiert einen weiteren Entwicklungsschritt. Die Begegnungsstätte der Evangelischen Kirchgemeinde Kreuzlingen zeigt auf, wie vielseitig Kirche sein kann.

Bei der ersten Durchführung 2023 hatten Architektur-Studierende der Konstanzer Hochschule für Wirtschaft und Technik Ideen erarbeitet, wie man einen Kirchenraum so umgestalten kann, dass er sowohl für Gottesdienste als auch für das Open Place nutzbar ist. Einige davon stehen jetzt vor der Umsetzung. Dieses Mal debattierten angehende Architekten mit Studierenden des Theologischen Seminars der Universität Zürich über die Verbindung der Kirche mit der Umgebung. Dabei konnte es architektonisch um Wege oder Mauern gehen oder theologisch um Öffnung oder Abgrenzung.

«Offenen Tisch» geschaffen

«Es gibt Fragen, die sich Kirche und Architektur stellen», sagt die Konstanzer Architektur- Professorin Myriam Gautschi. «Sie wollen jeweils Heimat, Schutz und Möglichkeiten für vielseitige Dialoge bieten.» Elf unterschiedliche Gestaltungsideen entstanden in dem Kurs; sie zu realisieren, war nie vorgesehen.

Doch weil noch Fördergelder vom Wissenschaftsverbund «Vierländerregion Bodensee» übrig waren, konnten Simon Albrecht und Mika Morhard ihre Idee vom offenen Haus in einen «offenen Tisch» überführen. Er ist mal Bank, mal Tisch, mal Hochbeet und mal Grill. «Wir haben schnell gemerkt, dass es im Open Place unterschiedliche Nutzungsansprüche gibt. Das spiegelt sich im Entwurf.»

In den Austausch kommen

Pfarrer Damian Brot freut sich nicht nur über das fassbare Ergebnis, sondern vor allem über die Gespräche unter den Fachleuten der beiden Fakultäten und mit den Nachbarn des Open Place: «Kirche wird interessant, wenn sie nicht um sich selbst kreist, sondern in den Austausch kommt.» Die Bauverwaltung der Stadt war ebenso beteiligt wie Anwohner, die benachbarte Schule und Besucher des Friedhofs.

Die Studierenden hätten mit ihren visionären Gestaltungsplänen einen nötigen Prozess angeregt, so Pfarrer Brot. «Dass die Kirche kleiner, ärmer und älter werde, ist zu einem Dogma geworden, mit dem kreatives Handeln blockiert wird. Wir können nicht einen grossen Gott verkünden, der die ganze Welt in seinen Händen halten soll, und gleichzeitig den Glauben daran verlieren, dass Kirche wieder wachsen kann.»

«Mehr als Gottesdienst»

Kirche könne auf der einen Seite Rückzugsort sein, auf der anderen Seite Menschen in ihrem Alltagsleben unterstützen, sagt der Kunsthistoriker und Experte für Kirchenbau Johannes Stückelberger. «Beide Qualitäten, das Bergende und die Öffnung, gehören zur Kirche.» Es werde derzeit oft gefordert, dass Kirche einen niederschwelligen Raum bieten solle, der jenseits von Wohnen und Arbeiten soziale Interaktion fördert.

«So kann die Kirche im Dorf bleiben», sagt Stückelberger. Der Experte räumt ein, dass es in Kirchgemeinden Verlustängste gebe, wenn etwa Kirchenbänke entfernt werden. «Es wird angemahnt, dass Kirchen für den Gottesdienst errichtet wurden und dass dies erkennbar sein müsse. Aber Kirche ist mehr als eine Gottesdienstgemeinschaft.» Eine am Gemeinwesen orientierte Nutzung entspräche ihrem Selbstverständnis. Das Bezeugen des Glaubens, das Helfen und die Pflege der Gemeinschaft gehörten dazu.

«Der Ort bleibt eine Kirche, auch wenn hier andere Veranstaltungen stattfinden.» Auf diese Weise könnten die Kirchen einen Beitrag leisten, die Gesellschaft zusammenzuhalten. Das Open Place betrachtet er als mögliches Vorbild: «Dieser Ort steht der Gesamtbevölkerung zur Verfügung. Es ist ein Ort, an dem auch nichtkirchliche Menschen erfahren, wofür Kirche steht.»

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