Pfarrleben auf Augenhöhe
Ich bin seit gut zwölf Jahren evangelischer Pfarrer in der Schweiz. Über Stationen im Glarnerland und im Tösstal habe ich vor knapp zwei Jahren meinen Pfarrdienst in Matzingen begonnen. Meine theologische Prägung, meine gesamte pfarramtliche Ausbildung und auch meine Vorstellung davon, wie Kirche funktioniert, habe ich in Westdeutschland im Rheinland erhalten.
In Schweizer Kirchgemeinden aber ticken die Uhren anders. Ich habe daher von so mancher deutschen Vorstellung über das Pfarrersein Abschied genommen. Das tat manchmal weh, war ungewohnt und neben der allgemeinen kulturellen Umstellung vom deutschen hin zum schweizerischen Lebensalltag, eine mitunter erschöpfende Aufgabe. Ich möchte Ihnen von meinem Weg, meinen Einsichten gerne in aller Kürze berichten.
Abschied von der Chefrolle
In Deutschland war ich es gewohnt, dass ich der Vorsitzende der Kirchenvorsteherschaft bin. Als Kirchenbeamter habe ich die leitende Stellung in der Kirchgemeinde gehabt. Mesmerteam, Sekretariat, Musikteam, Reinigungspersonen, Angestellte im kirchgemeindeeigenen Kindergarten, also eigentlich alle Angestellten der Kirchgemeinde waren mir personalrechtlich unterstellt. In Deutschland kann sich eine Pfarrperson immer auch auf diese Leitungsfunktion berufen und ist den Angestellten weisungsbefugt!
In der Schweiz erlebe ich es so, dass ich schon wichtig bin, schon meine Stimme gehört wird, dies aber geschieht auf Augenhöhe. Ich leiste meine Arbeit nicht unter Berufung auf Amtsbefugnisse, nein, ich muss durch gute Leistung und gute Argumente überzeugen und ich muss teamfähig sein.
Abschied als Chance
Der Abschied von der Chefrolle war am Anfang hart für mich. Inzwischen sehe ich aber die Chance in diesem anderen System: Ich kann mich als Pfarrer in der Schweiz deutlich mehr den eigentlichen Kernaufgaben des Pfarrauftrags widmen, besonders für die Seelsorge habe ich mehr Zeit.
Dies kommt, da ich eben keine Vorsteherschaftssitzung vorbereiten und leiten muss. Ich muss auch keine Bauvorhaben koordinieren und ich habe auch keine Einstellungsgespräche für den Kindergarten zu leisten – alles alltägliche Aufgaben in meinem letzten Pfarramt in Deutschland!
Was ich ausprobieren möchte
In Deutschland werden zwei Arten von Jubiläen sehr grossgeschrieben und entsprechend gefeiert: Das ist zum einen die Goldene Konfirmation, zum anderen die Goldene Hochzeit. Beide Jubiläen will ich dieses Jahr mit der Gemeinde in Matzingen feiern.
In Deutschland ist besonders die Goldene Konfirmation ein grosses Wiedersehensfest. Nach 50 Jahren reisen dafür auch Jubilare an, die zum Beispiel sonst eine neue Heimat in Amerika oder Australien gefunden haben. Ich bin sehr gespannt, wie die Gemeinde hier auf die beiden Jubiläen (Ende Mai, Ende September) reagieren wird (siehe auch Artikel auf Seite 5).
Mein Fazit
«Ach, keine Sorge, nicht viel, es ist wie Deutschland, nur mit mehr Schoggi und Käse!» Mit diesem lapidaren Spruch antwortete mir eine deutsche Pfarrkollegin im Glarnerland, als ich fragte, wie sich mein Leben nach dem Umzug in die Schweiz verändern würde. Weit gefehlt.
Es ist eine enorme Umstellung. Nicht nur die Pfarrrolle ist komplett anders. Die Liturgie im Gottesdienst auch. Die Krankenkassen auch! Das Schulsystem erst recht. Und die Sprache erst! Viele deutsche Pfarrerinnen und Pfarrer sind über die Jahre in die Schweiz gekommen. Ich persönlich kenne niemanden, der zurück ins deutsche Pfarrleben wollte. Ich will das auch nicht.
Serie: Deutsche Pfarrpersonen im Thurgau (2/3)
Wie haben sich Pfarrpersonen aus Deutschland in der Thurgauer Landeskirche eingelebt? Wie gehen sie mit den unterschiedlichen Mentalitäten und Kulturen um? Diesen Fragen geht der Kirchenbote in einer dreiteiligen Serie nach. Im zweiten Beitrag schreibt der deutsche Pfarrer Jens Liedtke-Siems über seine Alltagserfahrungen.

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