News aus dem Thurgau

Prinzip Hoffnung: Alte Muster überwinden

von Lars Heynen
min
01.06.2026
Manche Erfahrungen verschwinden nicht einfach. Die Josefsgeschichte erzählt von Schuld, die im Verborgenen weiterwirkt: familiäre Altlasten, die unbewusst Familiensysteme prägen. Was nicht geklärt ist, bleibt wirksam – und zeigt sich oft erst dann, wenn niemand damit rechnet.

Mit der Josefsgeschichte enden die Urvätergeschichten im ersten Buch der Bibel – und sie enden alles andere als glatt. Um es vornehm zu sagen: Es menschelt gewaltig.

Familiendynamiken ziehen sich durch

Schon bei Abraham zeigt sich ein Muster: Er verstösst Ismael und bevorzugt Isaak. In der nächsten Generation setzt es sich fort. Rebekka greift zur List, um Jakob statt Esau den Segen des alten, fast blinden Isaak zu sichern. In Jakobs Familie wiederholt sich das Muster: Josef wird bevorzugt. Der Vater schenkt ihm einen bunten Rock, er wird von der harten Arbeit verschont. Josef petzt dafür dem Vater, was seine Brüder angeblich alles getan haben.

Seine Träume, in denen sich seine ganze Familie vor ihm verbeugt, verschärfen die Lage zusätzlich. Die Brüder spotten und nennen ihn «Herrn der Träume». Der Neid wächst, bis sie beschliessen, ihn aus dem Weg zu räumen. Nur Ruben verhindert Schlimmeres: Josef wird nicht getötet, sondern «nur» verkauft.

Der psychologische Berater und Pfarrer Richard Häberlin erkennt darin ein transgenerationales Muster. Das heisst: Unbearbeitete Themen wie Bevorzugung, Betrug und Schuld werden von Generation zu Generation weitergegeben. Was nicht bewusst angeschaut wird, wirkt oft im Verborgenen weiter. Die systemische Therapie macht solche Dynamiken heute sichtbar, etwa durch Familienaufstellungen. Das Prinzip gilt nicht nur für Familien, sondern auch für Organisationen; selbst in Kirchgemeinden können solche unbewussten Muster wirksam sein.

Krise als Wendepunkt

Für Josef wird die Krise zum Wendepunkt. In Ägypten ist er gezwungen, Verantwortung zu übernehmen, und zwar ausgerechnet mit seiner Gabe, Träume zu deuten. Das verschafft ihm Zugang zu Macht und Einfluss. Schliesslich wird er zu einem der wichtigsten Männer im Land und trägt entscheidend dazu bei, dass in der Hungersnot nicht nur Ägypten, sondern viele Menschen aus der Umgebung überleben.

Sein Gottvertrauen gibt ihm in dieser Situation innere Stabilität und Widerstandskraft – eine Resilienz, die es ihm ermöglicht, Rückschläge, Ungerechtigkeit und Einsamkeit nicht nur zu ertragen, sondern daran zu wachsen. Gerade weil Josef sich getragen weiss, bleibt er handlungsfähig und offen für neue Wege. Seine Stärke entsteht nicht trotz, sondern mitten in der Krise.

Krisen können Katalysatoren für persönliches Wachstum sein.

Josef vergibt seinen Brüdern

Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.

Darum liessen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen BrĂĽdern die Missetat und ihre SĂĽnde, dass sie so ĂĽbel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte. Und seine BrĂĽder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte.

Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein grosses Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen. (1. Mose 50,15-21)

Ganzes Kapitel 50 aus dem Buch 1. Mose.

 

Richard Häberlin betont, dass Krisen oft Katalysatoren für persönliches Wachstum sind – allerdings häufig ausserhalb des ursprünglichen Systems. Josef muss seine vertraute Umgebung verlassen, um sich entwickeln zu können. Gleichzeitig bleibt seine Familie nicht unverändert. Die Hungersnot trifft sie ebenfalls und zwingt Jakobs Söhne, nach Ägypten zu reisen, um Nahrung zu kaufen.

Dort begegnen sie Josef, ohne ihn zu erkennen. Josef hingegen erkennt sie sofort. Er stellt sie auf die Probe, indem er einen Kelch in Benjamins Sack verstecken lässt und ihn festhalten will. Die Situation spitzt sich zu. Doch diesmal wiederholt sich die alte Dynamik nicht. Einer der Brüder ist bereit, an Benjamins Stelle zu bleiben. Für Josef wird deutlich: Seine Brüder haben sich verändert. Schuld ist nicht verdrängt, sondern hat zu einem neuen Verhalten geführt.

Versöhnung und neue Perspektiven

Am Ende erfüllt sich Josefs Traum, aber ganz anders, als man erwarten könnte. Seine Brüder haben sich vor ihm verbeugt, doch Josef nutzt seine Macht nicht aus. Statt Vergeltung wählt er den Weg der Versöhnung. Er gibt sich zu erkennen, weint, umarmt seine Brüder und begegnet seinem Vater mit tiefer Zuneigung.

Sein berühmter Satz fasst diese neue Sichtweise zusammen: «Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.» Richard Häberlin benennt die neue Deutung psychologisch als «Reframing». Die Vergangenheit wird nicht beschönigt, Schuld bleibt benannt. Und doch verändert sich die Perspektive.

Gott wirkt mitten in den Brüchen menschlichen Handelns und eröffnet neue Wege. So wird die Josefsgeschichte zu mehr als einer Familienerzählung. Sie zeigt, dass – auch heute – belastende Muster erkannt und durchbrochen werden können. Veränderung ist möglich, im Einzelnen wie im System. Und selbst aus tiefen Krisen kann neues Leben entstehen.

 

Prinzip Hoffnung

«Prinzip Hoffnung» lautet 2026 das Jahresschwerpunktthema des Kirchenboten. Als Basis zu einer theologischen Betrachtung mit fachlichem Aktualitätsbezug dient jeweils eine mutmachende Bibelstelle – diesen Monat ist es Kapitel 50 aus dem Buch 1. Mose.

 

 

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