Samuel Koch: «Mein Glaube ist vom Kopf ins Herz gewandert»
Samuel Koch, Sie leben inzwischen seit fast 16 Jahren mit einem Alltag, den die meisten Menschen sich kaum vorstellen können. Was hat Sie in dieser Zeit am meisten überrascht – an sich selbst?
Die Anpassungsfähigkeit der Menschen. Vor meinem Unfall hätte ich jeden für verrückt erklärt, der mir gesagt hätte, dass man mit so einer Einschränkung ein schönes und erfülltes Leben führen kann. Damals dachte ich klischeehaft: «Lieber tot als so.» Interessant, wie viel Geduld man aufbringen kann, wenn man gar keine andere Wahl hat. Und dann gibt es diesen Humor-Knopf, der verhindert, dass einem der Kragen platzt. Jeden Tag aufs Neue überrasche ich mich damit, dass ich immer noch Pläne mache und dass Freude am Leben nicht von funktionsfähigen Armen und Beinen abhängt.
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Samuel Koch (38) ist Schauspieler, Autor und ehemaliger Kunstturner. Aufgewachsen ist er in Wintersweiler, einem Dorf in Südbaden, nur wenige Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt. Seit seinem Unfall bei «Wetten, dass..?» 2010 ist er Tetraplegiker. Er arbeitet als Schauspieler und engagiert sich mit seinem Verein Samuel Koch und Freunde e.V. für Menschen in schwierigen Lebenssituationen.
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Sie sind in einer gläubigen Familie aufgewachsen. Was hat der Unfall mit Ihrem Gottesbild gemacht? Was ist geblieben – und was ist zerbrochen?
Mein Glaube ist nicht direkt anders, aber intensiver. Wenn man davon ausgeht, dass sich sowieso ständig überall alles ändert, dann hat sich auch mein Glaube verändert. Alles, was zu dem vermeintlich naiven Kinderglauben gehört – «Gott wird schon auf uns aufpassen und schauen, dass alles gut geht» –, habe ich ad acta gelegt. Durch den Crash musste ich notgedrungen feststellen, dass es Wichtigeres gibt oder geben muss als körperliche Unversehrtheit. So hat sich einiges in meinem Glauben relativiert, aber nachhaltig intensiviert. Mein Glaube ist sozusagen vom Kopf ins Herz gewandert.
Sie haben einmal Ihren Glauben vor dem Unfall als «Watte-Sahne-Glauben mit Kirsche obendrauf» beschrieben. Was hat ihn ersetzt?
Dieser alte «Watte-Sahne-Glaube» war ein Schönwetter-Glaube. Ein Glaube, der funktioniert, solange das Leben nach Plan läuft, man gesund ist und Sport treiben kann. Aber wenn der Sturm kommt, bläst er die Sahne im Sekundenbruchteil weg. An die Stelle ist kein intellektuell perfektes Gedankengebäude getreten, das mir jede Frage beantwortet. Im Gegenteil: Ich habe heute viel mehr Fragen an Gott als vor dem Unfall. Ich vergleiche das gerne mit einer Ehe oder einer tiefen Freundschaft: In guten Zeiten plaudert man nett, aber erst in den dunkelsten Stunden zeigt sich, ob die Beziehung trägt. Kurz gesagt: Die Kirsche ist weg, aber das Fundament steht noch.
Sie kommen Ende Oktober für einen Anlass mit dem Titel «Lebensmut» nach Zug. Was bedeutet dieses Wort heute für Sie?
Lebensmut wird oft mit dem typischen Helden-Image verwechselt: Brust raus, Augen zu und durch, immer positiv denken. Für mich bedeutet Lebensmut heute etwas viel Unspektakuläreres, aber viel Anstrengenderes: die Entscheidung, sich trotzdem auf den Tag einzulassen. Mut heisst für mich, die Realität nicht schönzureden, den Schmerz oder die Frustration voll anzuerkennen – und sich dennoch dafür zu entscheiden, dem Tag einen Sinn abzutrotzen und die Freude nicht abzubestellen. Lebensmut ist kein Dauerzustand, sondern eine tägliche, manchmal stündliche Entscheidung.
Sie mussten lernen, mit vielen Abhängigkeiten zu leben. Was hat Ihnen geholfen, Kontrolle loszulassen?
Wir alle leben in Abhängigkeiten, die manchmal auch gut sind, wie die Schwerkraft. Wir bilden uns immer nur ein, wir hätten unser Leben komplett im Griff. Humor schafft auch eine Distanz, die man braucht, um nicht an der eigenen Ohnmacht zu ersticken.
Und zweitens hat mir eine Erkenntnis geholfen, die ich aus der Fliegerei und dem Sport mitgebracht habe: Kontrolle abzugeben, bedeutet nicht, aufzugeben. Ich musste die äussere Kontrolle über meine Muskeln abgeben – aber ich habe die innere Kontrolle behalten über meine Haltung, meine Gedanken und wie ich den Menschen begegne, die mir helfen.
Ich habe das Kontrollieren durch Vertrauen ersetzt. Vertrauen in die Menschen um mich herum, die zu meinen verlängerten Armen und Beinen wurden, und letztlich Vertrauen in Gott, dass mein Leben auch dann noch einen Wert hat, wenn ich nicht mehr am Steuer sitze, sondern auf dem Beifahrersitz.
Sie stehen auf Bühnen, schreiben Bücher und halten Vorträge. Wo gelingt es Ihnen am ehesten, Menschen wirklich zu erreichen?
Das hängt gar nicht so sehr vom Format ab, sondern vom Grad der Ehrlichkeit. Aber wenn ich mich entscheiden müsste: Wahrscheinlich auf der Theaterbühne und im direkten Vortrag, wenn hier ein magischer Moment entsteht, in dem das Skript plötzlich zweitrangig wird. Da spürst du die Resonanz im Raum im selben Augenblick.
Menschen erreichst du nie durch perfekte Argumente oder durch eine makellose Show. Du erreichst sie dann, wenn du dich verwundbar machst. Wenn im Theaterpublikum oder im Vortragssaal dieser Moment entsteht, in dem die Mienen weich werden, weil die Leute merken: Der da vorne spielt mir nichts vor. Der erzählt von den Brüchen des Lebens, und die kenne ich aus meinem eigenen Leben auch.
Viele Menschen sehen in Ihnen ein Vorbild. Nervt Sie das manchmal?
Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck hat diesen Begriff «Mutmacher» als Vorbild geprägt. Das ist überaus freundlich und wertschätzend von ihm und doch tue ich mich damit schwer. Denn schlussendlich kann man keinen Mut machen, also Mut produzieren. Den Mut zum Leben, zum Sterben, zum Weitermachen muss jeder in seiner Situation selbst aufbringen. Wenn ich jemanden dazu inspirieren kann, freut mich das sehr. Ich kann versuchen, vorbildlich zu leben, nach bestem Wissen und Gewissen.
Mit Blick auf die Verantwortung wage ich zu behaupten: Jeder Mensch trägt Verantwortung, erst recht in einem demokratischen Land. Ob wir wollen oder nicht, werden wir schon mit Verantwortung geboren. Und je mehr man sich im öffentlichen Raum bewegt oder je mehr Kontakt man zu anderen Menschen hat – ob öffentlich oder nicht, in der Familie, bei der Arbeit oder wo auch immer –, desto mehr wächst die Verantwortung. Die versuche ich wahrzunehmen.
Sie sprechen oft ĂĽber Hoffnung. Gab es Momente, in denen Hoffnung fĂĽr Sie eher eine Entscheidung als ein GefĂĽhl war?
Hoffnung ist für mich fast immer eine Entscheidung und nur ganz selten ein gemütliches Gefühl. Wenn man wartet, bis sich Hoffnung von alleine, wie ein warmes Bauchgefühl einstellt, kann man lange warten. Hoffnung als Gefühl ist leicht, wenn die Sonne scheint und die Dinge gut laufen. In solchen Momenten ist Hoffnung ein Akt des Willens. Ein stures, manchmal fast trotziges: «Ich entscheide mich jetzt trotzdem dafür zu glauben, dass dieser Tag nicht das letzte Wort hat.» Ich glaube, Hoffnung ist kein Zustand, den man passiv vorfindet, sondern eine Haltung, für die man sich aktiv entscheidet – manchmal von Minute zu Minute.
Wer oder was macht eigentlich Samuel Koch Mut?
Menschen. Meine Familie, meine Frau, meine Freunde und das Team um mich herum. Wenn ich sehe, wie bedingungslos sie fĂĽr mich da sind, wie wir zusammen lachen, arbeiten und Quatsch machen, gibt mir das eine enorme Sicherheit. Mut entsteht da, wo man sich getragen weiss. Und ehrlich gesagt machen mir oft auch Begegnungen mit Menschen Mut, die selbst durch gigantische Krisen gegangen sind und mir zeigen: Hey, man kann aus den TrĂĽmmern noch was bauen.
Der Gedanke, dass mein Leben – so wie es ist, mit allen Brüchen – einen Sinn hat und dass diese Welt nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Das gibt mir eine Art Ur-Vertrauen.
Habe ich schon den Humor erwähnt? Wenn die Lage so absurd oder schwer wird, dass man eigentlich verzweifeln müsste, ist die Entscheidung zu lachen für mich der grösste Mutausbruch überhaupt. Wer lacht, übernimmt wieder das Kommando über seine Emotionen.
Gibt es heute etwas in Ihrem Leben, das Sie rückblickend sogar als Geschenk betrachten können – obwohl Sie es sich niemals ausgesucht hätten?
Das ist eine Frage, bei der man vorsichtig sein muss, damit es nicht nach Kitsch klingt. Denn nein: Ich bin noch lange nicht an dem Reifegrad angekommen, an dem ich sagen würde, der Unfall hatte einen bestimmten Sinn. Ich würde ihn sofort rückgängig machen, wenn ich könnte. Aber ich möchte mich an der Zukunft orientieren und dem Unfall in all seiner vermeintlichen Unsinnigkeit etwas von seinem Unsinn nehmen – um der Situation, in der ich bin, etwas Sinnvolles abzuringen.
Deshalb möchte ich weiterhin demütig bleiben und mich nicht zu wichtig nehmen oder mich zu stark um meine eigene Achse drehen. Ich finde es viel spannender, auch einmal über den Horizont hinauszuschauen und zu fragen: Wo kann ich der Welt noch nützlich sein?
Das grösste Geschenk ist wahrscheinlich die Schärfe des Blicks auf das, was wirklich zählt. Wenn dir von heute auf morgen alles genommen wird, worauf du dein Selbstbewusstsein aufgebaut hast – Leistung, Sport, körperliche Autonomie –, dann bleibt nur das übrig, was wirklich trägt: Beziehungen, Glaube, Liebe, Charakter. Ich musste mich nie wieder mit der Frage aufhalten, wer meine echten Freunde sind. Ich habe gelernt, Momente extrem intensiv zu erleben und Menschen ohne Maske zu begegnen.
Welche Rolle spielt der Glaube ganz konkret in Ihrem Alltag?
Der Glaube ist für mich nicht nur ein psychologisches Konstrukt (was eine Religion sein kann), sondern eine lebenserhaltende Massnahme. Ganz konkret bedeutet das: Glaube gibt mir eine Ur-Gelassenheit. Jeden Morgen, wenn ich aufwache und die Abhängigkeit von anderen sofort wieder da ist, erinnert mich mein Glaube daran, dass mein Wert als Mensch absolut nichts mit meiner Leistungsfähigkeit, meinen Muskeln oder meinem Terminkalender zu tun hat. Ich bin von Gott geliebt und gewollt – einfach so, als Samuel, völlig unabhängig von meinem Zustand.
Und zu dem Erfinder des Rückenmarks habe ich eine Standleitung – im Gebet – oft gar nicht lange oder hochgestochen, sondern ganz unkompliziert zwischendurch. Wenn die Tage zäh werden, wenn Schmerzen da sind oder die Geduld reisst, ist das wie ein inneres Durchatmen und Abgeben: «Gott, du siehst das gerade, gib mir bitte noch ein bisschen Puste für die nächste Stunde.»
Ich weiss, dass diese Erde, dieser Körper und auch dieses Leid nicht das letzte Wort haben. Das macht mich nicht weltfremd, aber es macht mich unheimlich frei, das Leben im Heute trotz aller Einschränkungen voll zu umarmen.
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«Leben wagen» – Samuel Koch kommt nach Zug
Samuel Koch und der Zuger Pfarrer Christoph Baumann, der an multipler Sklerose erkrankt ist, sprechen über Lebensmut und prägende Erfahrungen.
24. Oktober, 19.30 Uhr: Gespräch
25. Oktober, 10 Uhr: ökumenischer Gottesdienst mit Samuel Koch, in der Kirche St. Johannes, Zug. Keine Anmeldung nötig.
Samuel Koch: «Mein Glaube ist vom Kopf ins Herz gewandert»