News aus dem Thurgau
Ausstellung Sterbensmutig

Vom Mut, über das eigene Sterben zu reden

von Noemi Harnickell
min
15.09.2026
Die Ausstellung Sterbensmutig soll Menschen anregen, sich mit dem eigenen Sterben auseinanderzusetzen. Etwa, indem sie im Sarg probeliegen.  

Als Selina Laueners Grossmutter im Sterben lag, spürte die damals 35-jährige zum ersten Mal, wie überfordernd der Prozess für Angehörige sein kann. «Uns fehlte komplett das Wissen über die Sterbebegleitung zu Hause», erinnert sich Lauener. Das wollte sie ändern. So entwickelte die Kunstvermittlerin und Werklehrerin die Ausstellung «Sterbensmutig», die den Tod in den öffentlichen Raum bringt.

Probeliegen im Sarg

In Zusammenarbeit mit Permeable, einem Verein für Interventionen zu gesellschaftlichen Themen im öffentlichen Raum, erarbeitete Selina Lauener ein Ausstellungskonzept, das sie 2025 gemeinsam mit Schauspieler Gregor Schaller und Exhibition Designerin Sonja Koch umsetzte.

Sterbensmutig wurde erstmal im Oktober 2025 vor der Heiliggeistkirche beim Berner Hauptbahnhof gezeigt. Das Herzstück der Ausstellung ist ein offener Sarg auf einem blauen Sockel. Besucherinnen und Besucher sind dazu eingeladen, sich hineinzulegen und den Deckel zu schliessen. Die meisten Leute folgen der Einladung zögerlich, setzen sich erst seitwärts hinein, ehe sie sich langsam hinlegen und schliesslich den Deckel zuziehen, nur um ihn sogleich wieder zu öffnen. «Es gab aber auch schon Leute, denen gefiel es viel zu gut im Sarg», erzählt Lauener. «Da mussten wir nach 20 Minuten mal anklopfen, um zu fragen, ob sie noch genug Luft haben!»

Fragen rund ums Sterben

Es spielt jedoch keine Rolle, ob sich jemand kurz oder lange oder auch gar nicht in den Sarg legt. Viel wichtiger sind die Gespräche, die mit der Ausstellung über das Thema Sterben angeregt werden. Die Ausstellung wandert darum von Stadt zu Stadt und steht immer auf offener Strasse – oft in Zusammenarbeit mit den Kirchgemeinden vor Ort, etwa in Bern und Zürich. Im Sommer 2026 war sie auf dem Theaterplatz in Basel zu sehen. Im Oktober und November wird sie in Schloss Greifensee und in Baden gezeigt. «Ich stelle ein grosses Bedürfnis fest, über dieses Thema zu reden», sagt Lauener. Die Strasse sei ein guter Ort dafür. Ein öffentlicher Raum zwar, aber eben auch anonym.

 

Selina Lauener entwickelte die Ausstellung «Sterbensmutig», nachdem sie beim Sterben ihrer Grossmutter merkte, wie wenig Wissen es rund um Sterben und Bestattung gibt. | Foto: Nicole Noelle

Selina Lauener entwickelte die Ausstellung «Sterbensmutig», nachdem sie beim Sterben ihrer Grossmutter merkte, wie wenig Wissen es rund um Sterben und Bestattung gibt. | Foto: Nicole Noelle

 

Rund um den Sarg sind alte Leintücher an Fahnenmäste gespannt, die Fragen an die Besucherinnen und Besucher richten. «Was ist ein würdevolles Leben?», steht da zum Beispiel. Oder: «Wie stehst du zur Sterbehilfe?» Die Leute können ihre Gedanken zum Thema Tod und Sterben aufschreiben, später werden sie auf ein kleines Tuch gedruckt. Diese «Gedankentücher» werden den Besuchenden geschenkt. Sie sollen sie «zu Hause daran erinnern, sich schon zeitlebens mit dem Sterben auseinanderzusetzen», wie auf der Webseite erklärt wird. In einer Diabrille sind ausserdem Malereien verstorbener Menschen zu sehen, darunter auch Bilder, die Selina Lauener am Sterbebett ihrer Grossmutter gemalt hat. Eine Urne auf einem Sockel dient zudem als Hörstation: In kurzen Interviews erzählen Fachpersonen aus Theologie, Palliativmedizin und Bestattungsunternehmen von ihrer Arbeit mit dem Tod.

Fragmentierte Informationen über Bestattungswesen

Selina Lauener sieht noch viel Nachholbedarf in der Auseinandersetzung mit dem Sterben, sowohl bei den Ritualen im Trauerprozess wie auch im Bestattungswesen. In der Schweiz sind Bestattungen kantonal geregelt. In Basel etwa sind Kremation und Beisetzung staatlich finanziert, während in Bern die Bestattung gänzlich von den Angehörigen bezahlt werden muss. «Es gibt in der Schweiz keine Websites, die das Thema gesamtheitlich darstellen», sagt Lauener. «Zwar bietet jede Kirchgemeinde Mini-Informationen, aber jede Information ist fragmentiert.» Sinnvoll wäre, so Lauener, eine Webseite, die Informationen sammelt und Fragen zu Sterbebegleitung, Trauer und assistiertem Suizid beantwortet. «Ist es erstmal so weit, hat man keine Zeit mehr, zu überlegen, wie man sterben will.»

Selina Lauener spricht in ihrer Familie deshalb bereits jetzt über den Tod. Ein Thema, das auch Konflikte mit sich bringt. Laueners Schwiegermutter betont etwa, sie wolle bei ihrer Beerdigung keine Blumen und keinen grossen Aufwand. «Dabei liebt sie Blumen!», empört sich Lauener. «Die Leute wollen im Tod keine Belastung für die Hinterbliebenen sein. Aber die Belastung ist der Tod selbst», gibt sie zu bedenken. «Man kann dem Trauerprozess nicht ausweichen. Es leuchtet mir nicht ein, warum eine Beerdigung möglichst klein sein soll.»

Den Wert einer grösseren Abdankung erlebte Lauener mit ihrer Grossmutter. «Es tat gut, die vielen Menschen zu sehen, die meine Grossmutter auf ihrem Weg begleitet haben», sagt sie. Darin sieht sie auch eine Aufgabe für die Kirchen: «Ich bin kein religiöser Mensch. Aber ich habe sehr viel Positives erlebt mit der Kirche. Da ist ein grosses Wissen über Rituale.»

sterbensmutig.ch

Unsere Empfehlungen

Der Mehrwert der Dinge

Der Mehrwert der Dinge

Bis 4. Oktober steht die Schöpfungszeit unter dem Motto «Der Mehrwert der Dinge». In der Brockenstube der reformierten Kirchgemeinde Eschenz-Burg sorgt Erika Schwarz dafür, dass Aussortiertes neue Besitzer findet. Der Erlös kommt Hilfswerken und Projekten zugute.
Reparieren im Gottesdienst?

Reparieren im Gottesdienst?

Was in der «Flickstatt» in Egnach geschieht, passt zum Motto «Wertvoll leben – der Mehrwert der Dinge» der Schöpfungszeit 2026. Leiter Tömy Gyger spricht über die Hintergründe.