Von Mönchen und Comics – Religionspädagogik heute
Die reformierten Kirchen in der Schweiz starteten als Bildungsbewegungen. Huldrych Zwingli (1484-1531) ist da keine Ausnahme. Der in Wildhaus unweit der Thurquelle geborene Reformator hat sich recht früh in die Debatten um eine zeitgemässe Pädagogik eingeschaltet. Drei Dinge waren ihm damals wichtig: der Glaube an Gott, die Disziplinierung des eigenen Körpers und nicht zuletzt der Umgang mit den Mitmenschen.
Okay, ob es heute noch en vogue ist, Schülerinnen und Schüler davon abzuhalten, die Stirn zu runzeln, den Kopf zu schütteln oder beim Mittagessen auf Rebhühner, Drosseln, Grasmücken oder Rehe zu verzichten, mag dahingestellt sein. Aber von Gott und dem Geheimnis des Glaubens zu reden, bleibt unveraltet aktuell. Zwingli rät dazu, sich empathisch mit den Fröhlichen zu freuen und mit den Weinenden zu weinen – aber bitte massvoll! Ebenso will das Feiern gelernt sein: Problemlos dürfen Jugendliche an Hochzeiten oder Spielen teilnehmen, denn so der Reformator, auch Christus habe ja bei der Hochzeit in Kana für Stimmung gesorgt. Lediglich nicht übertreiben, deshalb: etwas Gutes von der Fete mit nach Hause bringen, das Schamlose meiden. Schliesslich findet sich auch etwas zum Thema Sport im Bildungsratgeber 1523: Laufen, Springen, Diskuswerfen, Fechten und Ringkampf – absolut empfehlenswert. Aha, denke ich: Religion und Sport, nicht schlecht der Specht.
Einen seiner genialen Tipps gebe ich hier in voller Länge wieder: «Das Streben nach der Wahrheit muss so beständig sein und ausschliesslich sein, dass wir immer sowohl unsere Rede als auch die der anderen so abwägen, dass keine List oder Lüge darin enthalten ist.» (Wie Jugendliche aus gutem Haus zu erziehen sind)
Nun sind ein paar Jahrhunderte ins Land gezogen, auch die Schweiz und der Thurgau werden sichtbar und spürbar säkularer. Aber was heisst das für eine Religionspädagogik im 21. Jahrhundert? Im Auftrag der reformierten Kirchen in der Schweiz hat ein Team um den Zürcher Praktischen Theologen Thomas Schlag im vergangenen Jahr Thesen zur Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen veröffentlicht und in Frauenfeld vorgestellt. Zehn sind es an der Zahl, gut biblisch, und eine von ihnen soll hier vorgestellt werden. Es ist These 2: «Die kirchlichen Bildungsangebote zeichnen sich durch eine Trias von Spass, Gemeinschaft und Lernen aus und stellen daher eine zentrale Chance für religiöse Bildung dar.»
So eine Trias der Religionspädagogik ist mir in meinen früheren Zeiten als Schuldekan in Freiburg noch nicht untergekommen. Spass als erste Säule, Gemeinschaft und zum Schluss das Lernen. Ich muss dazu sagen, dass mir das natürlich durchaus sympathisch ist. Menschen, die zu uns in den Unterricht kommen, haben es wirklich nicht einfach. Unser Freiwilligkeitsunterricht findet in der Regel in den Randstunden statt, entweder ziemlich früh, dann wenn die anderen (also die Mehrheit) noch vor dem Bircher Müesli sitzen, oder am Mittag, wenn wieder die anderen (also die Mehrheit) ihre Spaghetti vernaschen, oder am späten Nachmittag, wenn schon wieder die anderen (also die Mehrheit) fröhlich pfeifend die Schule verlassen. Also ist es an uns, den Lehrenden, für Empowerment zu sorgen; sozusagen als Energieriegel.
Wir sind nicht nur für die Inhalte verantwortlich, die irgendwie noch an die Ideale der Reformation erinnern dürfen, wir sind vor allem als Motivatorinnen und Motivatoren gefragt. Wir sind die Schuhsohle, die den Absprung erleichtern soll: Den Absprung zur Bibel, zu Jesus, zu Personen der Geschichte, zu Fragen der Mitmenschlichkeit, Mitgeschöpflichkeit, Weltoffenheit – und nicht zuletzt zur Wahrhaftigkeit (siehe Zwingli!). Aber wie, wie soll das gehen? Hier ein paar Erfahrungen nach annähernd dreissig Jahren:
Wer Reli unterrichtet (manchmal ist es eher eine Rallye), ist und bleibt auch in der Zukunft ein Story-Teller, ein Geschichtenerzählender. Zu den besten Geschichten der Welt gehören die biblischen. Gut, die Sprache ist antik, aber der Kern ist genial. Abraham und Sara, wie sie alles verlassen, die Zelte und Ziegen unter die Arme klemmen, ab durch die Wüste und Gott als Kompass. Josef, der aus dem Brunnen heraus nach Ägypten kommt und zu träumen beginnt. Eine grandiose Story, Thomas Mann wusste es. Später Jesus.
Gibt es etwas Schöneres als Lukas 2, die Weihnachtsgeschichte? Oder diese elementaren Erzählungen vom See Genezareth, die Heilungen, aber auch das Weltdrama von Karfreitag und den mutigen Frauen am Ostermorgen? Diese Geschichten werden dann in unseren Klassen lebendig, wenn wir sie so erzählen, dass unser eigenes Leben hindurch schimmert. Die Taufe am Jordan geschieht natürlich in Scherzingen, vielleicht im Sommer am See. Und Auferstehung, das grosse Versprechen, das steht immer dann auf der Probe, wenn ein Mensch stirbt. Gibt es ein «danach» und wie kann ich davon in der Primarschule erzählen?
Mit 3D-Mönchen habe ich versucht in den Klassen 5 und 6 den Heiligen Leonhard lebendig werden zu lassen, immerhin ist sein Leben in der Landschlachter Kapelle verewigt. Seit November lesen wir die Geschichte von Jesus als Comic. Und hat nicht Ulrich Hub mit «An der Arche um Acht» die Sintflut aus der Sicht von Pinguinen neu in Szene gesetzt? In den Klassen 7 und 8 stehen auch die dunklen, schweren Themen an. Beispielsweise der Holocaust. Das Tagebuch der Anne Frank könnte vielleicht ein Zugang bauen. Und der Film von Ari Folmann «Wo ist Anne Frank?» macht ihre Geschichte lebendig. Beim Auftakt waren die Schülerinnen und Schüler sprachlos. Ein gutes Zeichen
Religion unterrichten heisst: Das Leben unterrichten. Heisst Räume öffnen, die vielleicht ansonsten in der Schule verschlossen bleiben. Weil hier ein Jemand das Gegenüber ist, der seit Jahrtausenden den Menschen begegnet. Sich immer wieder wandelt, uns berührt, mit uns spricht und uns letzten Endes die Kraft zum Leben, manchmal zum Überleben schenkt.
Von Mönchen und Comics – Religionspädagogik heute