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Gesellschaft

100-jährig, aber nicht alt

Pro Senectute Thurgau feiert Geburtstag. Auf der Suche nach ihren Wurzeln hat sich die angesehene Institution selber ein Geschenk gemacht: eine umfassende Chronik.

Es muss festgehalten werden: Die ersten 51 Jahre von Pro Senectute Thurgau waren geprägt von Grabenkämpfen zwischen Katholiken und Evangelischen. Der junge Historiker Elias Oswald aus Frauenfeld hat die Ereignisse in der soeben erschienenen Chronik «100 Jahre Pro Senectute Thurgau» sehr schön herausgearbeitet. Die Akten der evangelischen Sektion fand er im Staatsarchiv in Frauenfeld, die Unterlagen der Katholiken im Pfarramt in Weinfelden.

Grabenkämpfe der Kirchen
1919 plagten Hunger und Armut vor allem die ältere Generation. Auf Geheiss der Thurgauischen Gemeinnützigen Gesellschaft versammelten sich deshalb am 10. Februar 26 Personen in Weinfelden mit dem Ziel, Betagten zu helfen. Die evangelisch geprägte Gruppe unter der Leitung des tüchtigen Pfarrers Albert Etter aus Felben wollte sogleich eine Organisation gründen. Die seit 1917 bestehende Schweizerische Stiftung «Für das Alter» wünschte aber eine Zusammenarbeit zwischen Evangelischen und Katholiken, scheiterte allerdings: Zwischen den beiden Lagern war ein tiefer Graben, und das Armenwesen war konfessionell getrennt. Am 29. August bildete sich um den Kreuzlinger Pfarrer Josef Schlatter auch eine katholische Sektion, die fortan in Konkurrenz zur evangelischen stand.

Bedürftige unterstützt
Die Evangelischen setzten schon bald Sammlerinnen ein, die von Haus zu Haus zogen und um Spenden baten. Bereits im ersten Jahr kamen so 26 000 Franken zusammen! Darauf schwärmten auch katholische Sammlerinnen aus. Die Gelder wurden an Bedürftige verteilt, die mindestens 65 waren. Oswald würdigt in seiner Chronik, dass beide Sektionen doch immer das gleiche Ziel hatten: Das Dasein der Betagten, die oft in erbärmlichen Verhältnissen lebten, zu verbessern, was ihnen denn häufig auch gelungen sei. Zwar flossen ab 1927 Gelder vom Kanton und vom Bund. Aber die finanzielle Lage der Thurgauer Sektionen sei doch prekär geworden. Immerhin wurden jetzt Hunderte von Betagten unterstützt. Trotz Finanznot habe sich die evangelische Sektion 1939 gefragt, ob man die alljährliche Sammlung der Bevölkerung in dieser schweren Zeit noch zumuten dürfe. Man durfte! Während des Krieges erreichten die Sammlungen Höchststände.

Zusammenschluss zum Kantonalkomitee
Auch nach der Genehmigung einer erneuten AHV-Vorlage 1947 brauchte es die Stiftung für das Alter mehr denn je. Inzwischen nämlich hatten die Sektionen vertraute Beziehungen zu den von ihnen betreuten Senioren aufgebaut und ein offenes Ohr für deren Sorgen entwickelt. Vermehrt boten die Sektionen jetzt auch Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung an. Aber das Verhältnis war nach wie vor angespannt. Oswald: «Die Katholiken verdächtigten die evangelischen Sammlerinnen, auch bei katholischen Familien zu klingeln und Gelder einzustreichen.» Nach 51 Jahren der Trennung schlossen sich die beiden Sektionen 1970 zu einem Kantonalkomitee zusammen. 1978 änderte die Organisation ihren Namen in «Pro Senectute/Für das Alter». Bis heute hat sich die Stiftung zu einer gefragten Institution entwickelt. Über 200 Kurse werden angeboten. Und 30 Festangestellte, 343 Teilzeitmitarbeitende und 383 Freiwillige leisten professionelle Hilfe in vielerlei Hinsicht.


(Esther Simon, 18. April 2019)


Von Jürg Hartmann erfasst am 28.11 2019 21:42

Zum Thema "Glaubensvorstellungen"

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