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Spiritualität

Glück vor Geld

20.05.2021
Wir sollten uns stärker am Glück orientieren: Davon ist der Ermatinger Stefan Braun überzeugt. Nach dem Vorbild des südasiatischen Königreichs Bhutan möchte er im Thurgau eine «Kultur des Glücks» initiieren.

Herr Braun, was bedeutet Glück für Sie persönlich?
Am ehesten trifft es wohl der Spruch von Henri-Frédéric Amiel: «Der echte Name für Glück ist Zufriedenheit.»

Sie möchten das Glück im Thurgau fördern: Die Thurgauerinnen und Thurgauer hätten zwar gute Voraussetzungen, um glücklich zu sein, seien sich dem Glück aber zu wenig bewusst. Wie kommen Sie zu diesem «Urteil»?
Im Thurgau, in der ganzen Schweiz und in Mitteleuropa sind die meisten Menschen frei von existenzieller Not. Sie sind dennoch nicht frei von Sorgen: Alltagsstress, Einsamkeit, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Sinn-Leere: Die Sorgen, welche die Menschen umtreiben, sind bei genauerer Betrachtung oftmals «Luxusprobleme». Ich habe den Eindruck: wir betrachten eher das, was wir nicht haben als das, was wir haben.

Warum möchten Sie das Glück fördern?
Wenn wir heute den Wohlstand einer Gesellschaft bewerten, tun wir das üblicherweise über die verfügbare Menge ihrer Geldwerte, ausgedrückt meistens über das Bruttoinlandprodukt BIP. Die gesellschaftliche Entwicklung misst sich – daraus folgend – an der Veränderung ihrer Geldwerte. Die jüngere Vergangenheit hat uns eine Freiheit von Not und einen aussergewöhnlichen materiellen Wohlstand beschert. Es zeigen sich aber auch – und ich meine je länger je mehr – die Schwächen eines Gesellschaftsmodells, das seinen Fortschritt auf materieller Basis definiert. Wir streben an, dass sich der Wohlstand der Gesellschaft – auch – an ihrer Empfindung von Glück misst: nicht «vorwärts», sondern «aufwärts».

Und wie möchten Sie das Glück fördern?
Das Projekt «Zum Glück im Thurgau» (siehe auch Kasten unten, Anm. d. Red.) würde von einer Stiftung koordiniert werden. In einem ersten Schritt würde ein gemeinsames Bild des Glücks herausgeschält werden. Das kann über Umfragen oder partizipative Prozesse mit den Menschen im Kanton erfolgen. Wir erhalten somit ein Ziel, auf das wir uns hin entwickeln können. Die eigentliche Förderung des Glücks erfolgt über eine längere Zeit und kann über ganz viele verschiedene Wege und Methoden erfolgen. Glücklichsein ist lernbar. Wichtig ist, das Thema aktuell zu halten, ein Bewusstsein dafür zu schaffen: Die Menschen sollen sich bei Ihren Entscheidungen fragen: «macht das mich und uns glücklich?». Im besten Fall entsteht eine «Kultur des Glücks» im Thurgau.

In Bhutan gibt es seit längerem das Bruttonationalglück, an der sich die Regierung anstelle des Bruttosozialprodukts orientiert. Der Anteil an «glücklichen Menschen» liegt in Bhutan bei etwa 45 Prozent (Befragung 2015). Was denken Sie, wie hoch er im Thurgau liegen würde?
Ich schätze, dass eine Umfrage im Thurgau etwa auf dieselben Werte kommen würde. Wichtiger als der Zustand ist jedoch die Entwicklung. Und da gibt es Umfragen, die aussagen, dass das Glücksempfinden der Bevölkerung in Mitteleuropa seit Mitte der achtziger Jahre rückläufig ist. Ich glaube nicht, dass sich diese negative Entwicklung unter dem Status quo in den nächsten Jahren verändern wird.

Ist Glück letztlich nicht zu individuell, um es «staatlich» fördern zu können?
Ich bin der Meinung: es braucht beides. Das Glück als Innere Haltung muss Jede und Jeder selber pflegen. Wenn auch die Gemeinschaft die äusseren Bedingungen entsprechend fördert, fällt es den Menschen einfacher, glücklich zu sein. Das Modell des Bruttonationalglücks definiert als wichtige äussere Bedingungen für das Glück: den Schutz und die Bewahrung der Natur und der Umwelt, die nachhaltige und gerechte Entwicklung der Gesellschaft und der Wirtschaft, die Bewahrung und Förderung der Kultur und letztlich gute Führungsstrukturen.

Im Projektantrag schreiben Sie, dass im Thurgau viele Voraussetzungen gegeben sind, um ein gutes Leben zu führen. Welche explizit «thurgautypischen» Voraussetzungen meinen Sie?
Wir beziehen uns dabei auf die oben genannten «äusseren Bedingungen» des Bruttonationalglücks. Diese sind im Thurgau und in der Schweiz vorhanden oder können erreicht werden. Der Thurgau gilt als «bodenständig»: ich persönlich glaube, ein bodenständiger Mensch ist eher ein zufriedener Mensch und damit näher am Glück. In die Zukunft geblickt, glaube ich aber auch, dass sich der Thurgau als «Raum zwischen den Agglomerationen Zürich, Konstanz und St. Gallen» stärker wird identifizieren müssen. Das Glück als gemeinsame Werthaltung und «Marke» kann den Thurgau und die Thurgauer und Thurgauerinnen darin stärken.

Sie sehen Synergien in Ihrem Anliegen und demjenigen der Evangelischen Landeskirche Thurgau: Welche sind das konkret?
Die oben genannten «äusseren Bedingungen» des Bruttonationalglücks sind sehr nah an den Anliegen der evangelischen Kirche für eine Gerechte Gesellschaft. In der Bergpredigt lehrt uns Jesus mit den Seligpreisungen einen Glauben, der auch der inneren Haltung des Brutto National Glücks entspricht.

Welche Rolle spielt die Kirche allgemein darin, wenn es darum geht, Menschen glücklich zu machen?
Die Kirche spielt eine wichtige Rolle darin. Als Glaubensvermittlerin schenkt sie uns Menschen Hoffnung und Vertrauen. Als Gemeinschaft fördert sie die äusseren Bedingungen dazu.  

Welchen Bezug haben Sie persönlich zum Glauben?
Ich suche die Einheit mit dem Göttlichen und bin ein Freund des Glaubens.

In der Bergpredigt (Matthäus 5) wird das Thema Glück anhand der Seligpreisungen thematisiert. Inwiefern können die Seligpreisungen aus Ihrer Sicht die Frage nach dem Glück beantworten?
Die Seligpreisungen beinhalten aus meiner Sicht sehr viel und tiefgründiges zum Glück im Leben. Das Leben dieser christlichen Werte trägt zur Erfüllung und zum Glück bei. Die «Strasse des Glücks» ist keine Autobahn, eher ein Wanderweg.

(Interview: Cyrill Rüegger)

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Mit dem Projektantrag «Zum Glück im Thurgau» haben sich Stefan Braun und seine Mitstreitenden um die «Thurgauer Kantonalbank-Millionen» beworben. Kurz vor Redaktionsschluss des Kirchenboten hat das Beuerteilungsgremium seine Projektauswahl zu Handen des Grossen Rates veröffentlicht. Der Projektantrag «Zum Glück im Thurgau» hat gemäss Bericht die Projektvoraussetzungen nicht erfüllt und es deshalb nicht in die engere Auswahl geschafft. Ausschlaggebend war, dass noch keine federführende Organisation für die Umsetzung der Idee vorhanden war (Kriterium «Der Kanton realisiert keine Projekte»). Der Projektantrag sah vor, die federführende Organisation (z.B. eine Stiftung) erst nach dem Zuschlag zu konstituieren. Mitinitiant Stefan Braun sagt: «Wir sind nach dieser Meldung natürlich traurig. Das Ausscheiden unseres Projektantrages hätte einfach umgangen werden können, indem wir zum Beispiel einen Verein gegründet hätten, der das Projekt nach Zuschlag organisiert hätte. Wir müssen uns vorwerfen, dieser Unklarheit im Projektbeschrieb zu wenig nachgegangen zu sein. Es ist so, wie es ist und wir nehmen den Entscheid sportlich.»


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