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Spiritualität

Wegzeichen von Zbynek Kindschi Garský

20.09.2021
«Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau. Denn ihr seid alle eins in Christus Jesus.» (Gal 3,28)

Kaum zu glauben, dass dieser Vers irgendwann im 1. Jahrhundert nach Christus geschrieben wurde. Denn es liest sich wie die «Allgemeine Erklärung der Menschenrechte» aus dem Jahr 1948, wo es gleich im ersten Artikel heisst: «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren …».

Dennoch fand keine Revolution in Galatien statt. Vielmehr agiert der Apostel im Alltag eher konservativ und der Gemeinde in Korinth schreibt er: «Jeder aber bleibe an seinem Ort, an den er berufen worden ist. Bist du als Sklave berufen worden, soll es dich nicht kümmern …» (1Kor 7,20–21a). Das klingt nicht gerade revolutionär. Und in der Tat strebte das aufgehende Christentum nirgendwo eine grundlegende Änderung der Gesellschaftsordnung an, und die Menschheit musste sich fast 1900 Jahre gedulden bis etwas von den ‹proklamierten Idealen› zur gesellschaftlichen Wirklichkeit wurde.

War es von Paulus also nur schöne Rhetorik? Etwas, was der Kirche schon immer vorgeworfen wurde, nämlich, dass sie zwar hohe Ideale predigt, sich selbst an diese aber nicht hält und letztlich nur den Herrschenden hilft den ‹Status quo› zu halten? Ich denke nicht. Denn das, was Paulus im Galaterbrief schreibt, meint er sehr ernst.

Das hier angesprochene Problem entsteht nur, wenn man den Text mit moderner Brille liest. Paulus geht es nicht um die Menschenrechte, sondern um den Kern der christlichen Existenz – um den Glauben. Denn in diesem Fall spielt es keine Rolle, ob man «Jude oder Grieche», «Sklave oder Freier», «Mann oder Frau» sei. Das alles sind längst überholte Kategorien des alten irdischen Seins. Denn mit der Taufe haben wir «Christus» angezogen (Gal 3,27) und «in Christus» sind wir eins. Nun könnte man denken: Wieder so eine theologische Spitzfindigkeit, damit man im Alltag nichts tun muss.

Doch dem ist nicht so: Die himmlische Wirklichkeit soll sich in unserem Gottesdienst und in unserem irdischen Alltag widerspiegeln und diesen verändern. Es geht lediglich um die Richtung, in welcher diese Veränderung geschieht: Entsteht sie innen, im Herzen des Menschen, und strahlt sie dann nach aussen aus? Oder wird sie von aussen den Menschen mit Gewalt verordnet, damit sich das Herz irgendwann fügt?

Der erste Weg ist der christliche. Hier gelten die Worte Jesu aus der Bergpredigt: «Ihr seid das Licht der Welt …» (Mt 5,14a). Es dauert länger, doch es ist eine nachhaltige Veränderung und vor allem: Der Mensch bleibt frei. Der andere Weg verspricht zwar schnelle Lösung, führt aber am Ende zur Ungerechtigkeit und zur Versklavung des Menschen. Lasst uns also immer den Weg der Freiheit gehen, zu der wir berufen wurden (Gal 5,13), damit das Licht erstrahlt.


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