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Spiritualität

Wegzeichen von Albin K. Rutz

18.11.2021
«Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohlmachen.» (Psalm 37,5)

Mein Götti Kaspar hat bei der Eisenbahn gearbeitet. Das Schienennetz war seine Welt. Als ehemaliger Mitarbeiter hatte er ein Generalabonnement. So kannte er fast alle Zugstrecken der Schweiz. Über seine Reisen erzählte er bei jeder Begegnung. In die kleinere Wohnung, die er als Rentner nach dem Tod seiner Frau bezogen hatte, konnte er nicht alles mitnehmen. Ein Gegenstand, der von vielen Erinnerungen geprägt war, musste aber unbedingt mit: ein alter Weichenlagemelder, der dem Lokomotiv- oder Rangierführer die Lage einer Gleisweiche rechtzeitig anzeigte.

Diese Signallampe wurde von meinem Götti selbst zur gemütlichen Stubenleuchte umgebaut. Jedes Mal, wenn ich bei ihm auf Besuch war, wurde mir bewusst, wie oft mein Götti als Bahnarbeiter dafür gesorgt hatte, dass die Weichen überhaupt zuverlässig gestellt werden konnten und dass folglich unzählige Leute am richtigen Ort sicher ankamen.

Schon als Jugendlicher bin ich gerne mit dem Zug gereist. Weil in jungen Jahren bewusst oder unbewusst viele Weichen für die Zukunft gestellt werden, passt das irgendwie. So bin ich für einen Auslandaufenthalt von fast zwei Jahrzehnten in die Niederlande gereist.

Vor gut zwölf Jahren kam ich wieder zurück in meine alte Heimat. Hier konnte ich sogleich erfahren, wie viele meiner Generation ihrem Leben tatsächlich entschieden eine bestimmte Richtung gegeben hatten. Beruflich und privat läuft es bei den meisten Menschen so ungefähr nach dem Schema, das eben gewählt wurde. Vieles ist dabei nicht mehr so offen wie in der Jugendzeit.

Das Suchen und Fragen ist grösstenteils beantwortet. Wir haben uns im Leben häufig sehr angenehm eingerichtet. Der «Eisenbähnler» oder «Weichensteller» würde – um in der obigen Bildsprache zu bleiben – sagen, dass wir jetzt im Bahnhof angekommen sind. Ist das aber nicht auch der Platz, wo Menschen ein- und aussteigen? Vielleicht steigen sie um. Das verspricht ein spannendes Weiterreisen. Dankbar bin ich für die Lebensreise in meiner neuen Heimat im Thurgau. In die schöne und weite Landschaft mit ihren schmucken Dörfern und den charmanten Städten habe ich mich verliebt.

Spontan muss ich an Jesus denken, wie er mit den Menschen im hügeligen Land wanderte. Hier bin ich mit Menschen unterwegs, die neu auf meine Wegstrecke kommen. Manchmal erfahre ich, wie sie für mich wie ein Weichenlagemelder sind. Wie sich nach kurzer Zeit die Landschaft öffnet und es immer mehr zum gemeinsamen Erleben und Gestalten wird. Unverhofft wird uns oft signalisiert, wo wir uns gerade befinden und was unsere Bestimmung sein könnte.

Wer von Jesus gehört hat, weiss wahrscheinlich davon, dass gerade er derjenige ist, der oft unerkannt mit uns reist und uns den Sinn von Lebensereignissen erkennen lässt.


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