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Leben & Glauben

Wegzeichen von Florian Aeberhardt

27.05.2022
«Und Jesus wandte sich ihm zu und sagte: Was soll ich für dich tun?» Markus 10,51a

Wann haben wir das letzte Mal einer Person aus reinem Interesse an ihr zugehört – ohne Hintergedanken oder einem Pflichtgefühl? Wo wünschen wir uns selbst einmal wieder ein solch offenes Ohr?

Aktives Zuhören ist ausserordentlich wertvoll. Das durfte ich in letzter Zeit immer wieder erleben, da ich momentan in verschiedener Hinsicht mit dem Thema und der Ausübung von Seelsorge zu tun habe. Zuhören kann ein grösserer Dienst sein als Reden. Das Gegenüber erfährt eine grundlegende Annahme und in schwierigen Situationen lässt sich schon mit dieser Art der Zuwendung viel Unterstützung schenken. Trotzdem ist es keine Seltenheit, dass ein Mensch sich nicht mitteilen darf oder dass zu schnell geredet wird, ohne die betroffene Lebenssituation wirklich zu kennen.

Jesus ist ein Paradebeispiel für einen guten Zuhörer. Im hier genannten Vers fragt er einen Blinden, was er für ihn tun solle. Ist die Frage nicht überflüssig, da Jesus wohl um die Not dieses Menschen weiss? Nein, denn so gibt Jesus seinem Gegenüber den Raum, die eigenen Bedürfnisse aussprechen zu können. Ausserdem zeigt er damit, dass er sehr an der einzelnen Person interessiert ist. Diese Umgangsweise zieht sich bei Jesus durch. Damit ist er jedoch noch mehr als nur ein Paradebeispiel, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen sollen. Jesus möchte auch uns Ansprechpartner sein. Wir dürfen so zu ihm beten, wie wir sind und er hört uns zu. Das ist umgekehrt auch eine wichtige Voraussetzung, um für andere da sein zu können. Denn Gottes bedingungslose Liebe kann unsere tiefe Sehnsucht nach Annahme stillen. Daraus folgt, dass wir Mitmenschen lieben können, ohne etwas zurückzuerwarten. Mit anderen Worten: Nur so wird selbstlose Liebe möglich.

Selbstverständlich ist dieser Weg oft ein langer und herausfordernder, aber nicht ein unbegehbarer. Es gilt nun jedoch auch noch einen Blick auf den Menschen zu werfen, dem zugehört werden sollte. Denn viele hätten das Bedürfnis, Dinge auszusprechen und so verarbeiten zu können. Aber sie verdrängen es oder flüchten auf unterschiedliche Weise davor. Hier möchte ich ermutigen, sich dem zu stellen und wo nötig auch professionellere Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eine gute Möglichkeit bieten die unterschiedlichen seelsorgerlichen Angebote der Kirchgemeinden (die nicht nur «Katastrophenhilfe » sein wollen). Wo werden wir das nächste Mal einer Person aus reinem Interesse an ihr zuhören? In welchen Bereichen sehen wir bei uns selbst dieses Bedürfnis, dem wir Raum geben sollten? Und auf welche Weise können wir Gott die Möglichkeit bieten, dass er uns umsorgen darf?

 

(Florian Aeberhardt)


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