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Leben & Glauben

Wurzeln bedenken, bereit sein für Neues

23.09.2022
Es war mehr als Schauspiel. Es war lebensnah inszeniertes Evangelium, mit dem Eric Wehrlin am Kirchensonntag die Besucherinnen und Besucher in seinen Bann zog.

Vom kommunistischen Zollbeamten über den römischen Zöllner Zachäus bis zum Propheten Jona: Auf der Bühne des Kirchensonntags 2022 hauchte Eric Wehrlin drei Figuren, die ansonsten nur in der Erinnerung oder literarisch existieren, Leben ein. Und wie: Als er in der prachtvollen Verkleidung von Zachäus von dessen Geschichte in der Bibel erzählte, wähnte man sich für kurze Zeit zwei Jahrtausende zurückversetzt. Gewollt – wie man auch in der Interviewpredigt am Kirchensonntag hörte (Seite 4).

Wurzeln nicht vergessen
2017 bereicherte Wehrlin bereits den Thurgauer Kirchensonntag – damals als Martin Luther. «Ich habe sehr viel Herzlichkeit erfahren », sagt der 61-Jährige rückblickend. Und weil er sich heute – «Gott sei Dank» – ein bisschen aussuchen könne, welche Rollen er annehmen möchte, habe er bei der erneuten Anfrage sofort zugesagt. Zudem gebe es für ihn eine Art ungeschriebenes Familien- Gelübde: «Mein Vater hat uns Kindern immer eingeprägt: Vergesst niemals eure Wurzeln, euren Heimatort!» Aufgewachsen in Biel, lebt er heute in Österreich und tritt auf Bühnen in ganz Europa auf. Seinen Heimatort Bischofszell hat er dennoch nie vergessen.

Korrigieren und nachjustieren
An der Figur des gierigen und unbeliebten Zollpächters Zachäus gibt es mehrere Aspekte, die Eric Wehrlin faszinieren: «Er ist reich, wohlhabend, hat ein gutes Leben, und es kümmert ihn wenig, was die Leute über ihn denken. Also eigentlich hat er vieles, was man auch so in der modernen Gesellschaft lebt oder anstrebt. » Nach dem überraschenden Besuch von Jesus sei er trotzdem bereit, alles auf den Kopf zu stellen, seinen unrechtmässigen Wohlstand herzugeben und ein neues Leben anzufangen. «Das ist eine Herausforderung, vor der wir immer wieder mal stehen in unserem Leben: korrigieren, nachjustieren und nicht auf dem Altbewährten sitzen bleiben.»

Das richtige Leben für mich?
Wehrlin gerät regelrecht ins Schwärmen, wenn er an die Geschichte von Zachäus denkt: «Er öffnet auch tiefenpsychologisch ein sehr grosses und aktuelles Gebiet: unser ungelebtes Leben. Ist das Leben, dass ich lebe, eigentlich das richtige für mich? Was, wenn ich noch einmal von vorne beginnen könnte?» Gleichzeitig fasziniere ihn, wie vorurteilslos Jesus an den verpönten Zachäus herantrete. Auch hier sieht er Lernpotenzial für die moderne Gesellschaft: «Er schaut weniger auf die guten Werke und Verdienste, sondern stärker auf die Herzenseinstellung der einzelnen Menschen.» Wehrlin ist überzeugt: «Es gibt nichts, das uns daran hindert so zu Jesus zu kommen, wie wir sind – egal, welche Geschichte wir mitbringen. Es zählt die Haltung unseres Herzens.» Dank Wehrlins schauspielerischer Leistung dürften viele Besucherinnen und Besucher des Kirchensonntags 2022 diese Erkenntnis mit nach Hause genommen haben.

 

(Cyrill Rüegger)


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