«Bettag fördert Zusammenhalt»
Gott zu danken, über das eigene und gesellschaftliche Handeln nachzudenken und für das Land sowie andere Menschen zu beten: All das steht am Sonntag, 20. September, am Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag im Zentrum. Die heutige eidgenössische Form des staatlich angeordneten, überkonfessionellen Feiertags entstand im 19. Jahrhundert, unter anderem vor dem Hintergrund konfessioneller Spannungen zwischen Katholiken und Protestanten, und sollte den Zusammenhalt in der Schweiz stärken.
Plädiert für ein Miteinander
Christian Lohr, Nationalrat der Partei «Die Mitte» und Synodaler der Evangelischen Landeskirche Thurgau, erklärt im Gespräch mit Christina Aus der Au, Kirchenratspräsidentin der Evangelischen Landeskirche Thurgau, was dieser Feiertag für ihn bedeutet.
Er sagt: «Ein Tag, der den Zusammenhalt fördert, finde ich extrem wichtig.» Man solle den Bettag jedoch nicht «verpolitisieren» oder «verkirchlichen», sondern eine Verbindung zwischen politischen und kirchlichen Aspekten schaffen. Als Mitte-Politiker stehe er zu seinen christlichen Werten. Christian Lohr betet jeweils dafür, dass die richtigen politischen Entscheidungen getroffen werden, nicht aber, dass die Entscheidungen auf eine bestimmte Art gefällt werden.
Gerade in der Politik sehe er aber auch die Probleme, dass man zu wenig miteinander rede und zu viel Angst vor anderen Meinungen habe. Der Thurgauer Nationalrat plädiert deshalb für ein Miteinander: Nicht nur im politischen, sondern auch im kirchlichen Umfeld solle man häufiger Gemeinsamkeiten zwischen Menschen statt Verschiedenheiten hervorheben. Diesbezüglich müsse die Kirche ihre Mitglieder und deren Anliegen spüren.
Behinderung als Privileg
Auch der Bussgedanke des Feiertags hat für Christian Lohr eine wichtige Bedeutung. Man solle im Leben demütig sein können, und er bedauere, dass dies immer weniger passiere. Dies bedeutet für ihn aber auch, sich selbst nicht immer in den Vordergrund zu stellen. Dazu sagt er: «Ich bin dankbar und schaue es als Privileg an, mit einer Behinderung zu leben.»
Diese Aussage möge vielleicht einige Menschen erstaunen, aber er habe dadurch erkennen können, was für ihn der Sinn des Lebens sei: Jeden Tag aufzustehen, sich mit Widerständen zu arrangieren und «Ja» zum Leben zu sagen. Gott habe ihm nicht das «normale Leben» weggenommen, sondern habe ihm ein wunderschönes Leben geschenkt.
Mehr Gottvertrauen haben
Mit seinem Leben möchte der Thurgauer Synodale auch anderen Menschen Mut machen und ihnen zeigen, dass sie nicht verzweifeln sollen und stattdessen die schönen Momente sehen können. «Ich wünsche mir, dass wieder viel mehr Menschen Gottvertrauen haben», fügt er an. Was das aktuelle Weltgeschehen betrifft, betet Christian Lohr für eine friedlichere Welt. Die derzeitigen Polarisierungen und kriegerischen Auseinandersetzungen seien grausam und würden Menschen nur wehtun.
Wer ist Christian Lohr?
Christian Lohr lebt in Kreuzlingen und ist seit bald 15 Jahren Nationalrat der Partei «Die Mitte» (vormals CVP). Seit 40 Jahren gehört er zudem der Synode der Evangelischen Landeskirche Thurgau an. Er kam infolge einer Contergan-Schädigung ohne Arme und mit Fehlbildungen an den Beinen zur Welt und ist deshalb auf einen Rollstuhl angewiesen. Seit vielen Jahren setzt sich der 64-Jährige für die gesellschaftliche und politische Teilhabe von Menschen mit Behinderungen ein. Er ist Co-Präsident der Parlamentarischen Gruppe für Behindertenfragen und Ehrenpräsident von PluSport Behindertensport Schweiz.
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