KI – Segen oder Fluch für die Menschheit?
Im ersten Satz der Enzyklika schreibt der Papst: «Die von Gott geschaffene grossartige Menschheit steht heute vor einer entscheidenden Wahl: Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen.» Die Wahl zwischen Babel als symbolischem Ort der menschlichen Selbstliebe (Gen 11,1-9) und dem Wiederaufbau von Jerusalem als Ort der Gemeinschaft und Gottesliebe (Neh 2-6) zieht als roter Faden durch den Text von Leo XIV.
Enzyklika-Comic
Enzyklika-Comic: So fasst KI die Inhalte der Enzyklika von Papst Leo XIV. als Comic zusammen. (Bild: ChatGPT)
Entscheidend – so Papst Leo – sei letztlich, welche «Liebe» das menschliche Handeln leite. Der Bau von Babel oder Jerusalem beginne deshalb im Herzen jedes einzelnen Menschen. Technik dürfe nicht zum alleinigen Massstab menschlichen Handelns werden. Wenn Effizienz, Kontrolle und Profit zum höchsten Prinzip erhoben würden, drohe der Mensch selbst zum Objekt technischer Optimierung zu werden.
Leo XIV. warnt davor, dass die digitale Revolution und insbesondere die Künstliche Intelligenz bestehende Machtstrukturen weiter verschärfen könnten. Die Kontrolle über Daten, Plattformen und Rechenkapazitäten liege zunehmend in den Händen weniger globaler Konzerne. Dadurch entstünden neue Formen von Abhängigkeit, Manipulation und sozialer Ungleichheit. Es sei deshalb nötig, KI zu «entwaffnen»: «Es bedeutet nicht, auf die Technologie zu verzichten, sondern zu verhindern, dass sie den Menschen beherrscht. Es bedeutet, sie den Monopolen zu entziehen, sie hinterfragbar und anfechtbar und damit lebensfreundlich zu machen und sie der Vielfalt menschlicher Kulturen und Lebensweisen zurückzugeben.»
Die Redaktion des Kirchenboten hat zwei Personen, die mit digitalen Medien vertraut sind, gebeten, sich zum «Weckruf» von Papst Leo XIV. zu KI zu äussern.
Das meinen Josua Schmid und Florian Salzmann:
Würfeln bis zum Himmel

«Zuerst fand ich den Babel-Vergleich wegen des Sprachen-Mischmaschs nicht intuitiv. KI ermöglicht gerade, dass man mühelos synchron übersetzen kann. Sie macht zugänglich, wofür man früher studieren musste. Mir kommen eher die Reformation und Luthers Bibel in den Sinn – auf Deutsch für alle. Denn KI wirkt dezentral und befähigt viele Menschen, sich wie nie im digitalen Raum zu bewegen. Wieso also Babel?
Für mich als 'Techie' zieht eine Passage besonders: Moderne Künstliche Intelligenzen werden […] eher 'gezüchtet' als 'gebaut'. Das stimmt. KI ist so mächtig wegen einer Erfindung von 2017, dem Transformer. Seither lassen sich Computer schneller anlernen. Man wirft immer mehr Daten und Rechenleistung auf das Problem, und die Resultate werden erstaunlicherweise besser. Was in der KI drin ist, und was herauskommt, kann aber niemand sagen. Sie verhält sich wie ein grosser, aufwändig gezinkter Würfel.
Wenn wir nun das Gewonnene in die nächste KI reinvestieren, wird das technische Würfelspiel zum Selbstzweck. Da passt der Turmbau zu Babel doch. Laut Papst Leo XIV. darf Technik nicht Selbstzweck sein. Wir dürfen uns nicht von ihr kontrollieren lassen, sondern müssen auch in der digitalen Welt souverän bleiben. Wir wollen uns nicht auf der empfangenden Seite der KI wiederfinden, wie Charlie Chaplin am Fliessband in Modern Times (1936). Man stelle sich vor: Ein Würfel bestimmt, was wir tun.»
Nicht ungefiltert übernehmen

«KI einfach nicht zu verwenden, ist keine Lösung. Am Schluss arbeiten wir mit den Werkzeugen, die uns zur Verfügung stehen. Auch das Internet musste einst zum ersten Mal für Recherchen genutzt werden, und heute ist es aus unserem Alltag kaum mehr wegzudenken. Eine gewisse Angst vor Neuem ist dabei durchaus berechtigt.
Wichtig ist, dass wir den Output einer KI sorgfältig prüfen und pflegen, statt ihn ungefiltert zu übernehmen. Genau das meint für mich auch Papst Leo, wenn er von einer 'Entwaffnung der KI' spricht: nicht Verzicht, sondern ein bewusster, geprüfter Umgang. Schon lange gibt es die Möglichkeit, fixfertige Predigten aus dem Internet zu übernehmen. Doch auch dort war es immer entscheidend, zu prüfen, ob der Inhalt wirklich gut und stimmig ist.
Eine Eins-zu-eins-Übernahme oder gar das Verfassen einer ganzen Predigt durch KI sehe ich deshalb kritisch. Dabei fehlt der menschliche Aspekt, der einer Predigt erst Leben einhaucht.
KI kann uns als Werkzeug unterstützen, etwa bei der Recherche oder bei ersten Gedankenanstössen. Die eigentliche Botschaft, die Haltung und der Glaube müssen aber weiterhin von Menschen kommen.»
KI – Segen oder Fluch für die Menschheit?