News aus dem Thurgau

Miteinander wird auf beiden Seiten grossgeschrieben

von Ernst Ritzi
min
05.06.2026
Seit 17 Jahren sind Simone Dors und Gerrit Saamer als Pfarrehepaar in Egnach tätig. Sie haben den Sprung aus Deutschland in den Thurgau gewagt. Im Gespräch mit Kirchenpräsident Daniel Christen loben sie das gute Miteinander.

Simone Dors und Gerrit Saamer erinnern sich noch gut an die Situation im Jahr 2008: «Es war ein gutes Gefühl, dass jemand Interesse an uns als Pfarrpersonen hatte», sagt Saamer. In seiner deutschen Heimat in der Evangelischen Kirche im Rheinland erlebte das junge Pfarrehepaar nach dem Abschluss der Ausbildung, dass sich für freie Pfarrstellen 50 und mehr junge Pfarrerinnen und Pfarrer bewarben. Dass die Arbeitsmöglichkeiten so rar sein würden, hat sich für die beiden erst im Verlauf des Theologiestudiums herausgestellt.

Erinnerungen an Bewerbungsgespräche

«Wir haben uns willkommen gefühlt», kann sich Simone Dors noch gut an die beiden zweitägigen Ausflüge zu den Vorstellungsgesprächen in der Kirchgemeinde Egnach und etwas später dann auch beim Kirchenrat in Frauenfeld erinnern. Mit dabei war die damals gerade vier Wochen alte Tochter. «Meine Mutter ist als Babysitter mit nach Egnach gereist und wir haben den Vorstellungstermin so legen müssen, dass er nicht gleich unmittelbar nach der Geburt sein würde», erinnert sie sich.

Nach den beiden Gesprächen und der gegenseitigen Zusage sah sich das junge Pfarrehepaar für seine Aufgabe in der Schweiz ermutigt, sagt Gerrit Saamer: «Im ersten Kontakt mit Pfarrwahlkommission und Kirchenvorsteherschaft haben wir gespürt, dass man sich über uns freut und dass man uns will.»

Die Menschen im Egni warten ab, sind zurückhaltend, aber sie geben Zugezogenen eine Chance.

Als Familie im «Egni» angekommen

«Ich kann mir vorstellen, dass es für Simone und Gerrit nicht so einfach war, ihre Zelte in Deutschland abzubrechen und in Egnach aufzustellen, vermutet Daniel Christen, Präsident der Kirchenvorsteherschaft. «Das stelle ich mir mit zwei kleinen Kindern sehr abenteuerlich vor, und es hat sicher viel Mut und Gottvertrauen gebraucht, um diesen Schritt zu wagen.»

Nach 17 Jahren sind Simone Dors und Gerrit Saamer mit ihren beiden Kindern in Egnach angekommen. Beiden war es wichtig, auch als Familie ein neues soziales Umfeld aufzubauen. Entsprechend haben sie sich über ihre kirchliche Tätigkeit hinaus für das Leben der Menschen interessiert und auch daran teilgenommen. Die ganze Familie hat in der Zwischenzeit das Schweizer Bürgerrecht erworben.

Zur Mentalität der Thurgauer Bevölkerung teilen Gerrit Saamer und Simone Dors die Einschätzung von Kirchenpräsident Daniel Christen, der selbst vor 26 Jahren aus dem Kanton St. Gallen in den Thurgau gezogen ist: «Die Menschen im Egni warten ab, sind zurückhaltend, aber sie geben Zugezogenen eine Chance. Teilweise wurde zu Beginn vielleicht eher beobachtet oder abgewartet, bevor man den persönlichen Kontakt mit den neuen Pfarrpersonen gesucht hat.»

Vor allem gelernt und zugehört

An den Alltag im Pfarramt haben sich Simone Dors und Gerrit Saamer schnell gewöhnt – Dors: «Weil wir in Deutschland nie in einem festen Pfarramt waren und weil unsere rheinische Kirche als unierte Kirche viele Berührungspunkte zur reformierten Tradition hat, war uns vieles vertraut.» Saamer ergänzt: «Wir haben die in Egnach gelebten liturgischen Formen übernommen, so wie es sich die Menschen hier gewohnt sind.»

«Wir haben uns gesagt, dass wir in einem anderen Land und in einer anderen Kultur sind und dass wir da vor allem lernen und den Menschen zuhören wollten», beschreibt er die gemeinsame Arbeitshaltung. Die offene und persönliche Art der Pfarrfamilie sei sehr geschätzt worden, erinnert sich Kirchenpräsident Daniel Christen an die erste Zeit: «Auch die Predigten waren von Anfang an bereichernd und nicht selten haben auch schwierige Themen ein Schmunzeln bei manchen Besucherinnen oder Besuchern ausgelöst.»

Den Dialekt verstehen

Und dann ist da noch die Sprache oder besser gesagt, der Thurgauer Dialekt und das Hochdeutsch: Simone Dors erinnert sich an eine der ersten Begegnungen mit einer Nachbarin des Pfarrhauses. «D’Schildchrott isch app» sagte sie, als sie an der Türe des Pfarrhauses läutete. Simone Dors musste nachfragen, was sie meine. Die ausgebüxten Schildkröten der Nachbarin leben heute noch, und Simone Dors und ihr Mann Gerrit Saamer sind nach 17 Jahren mit dem Thurgauer Dialekt vertraut.

«Dass die Menschen in ihrer Sprache sprechen und wir sie verstehen, war uns wichtig», sind sich beide bewusst, dass der Dialekt für die Menschen «Herzenssache und Wärme» bedeutet, gerade wenn es um persönliche Dinge geht. Dass die beiden Pfarrpersonen den Dialekt verstehen, weiss auch Kirchenpräsident Daniel Christen zu schätzen: «Schon die Pfarrperson vorher war aus unserem nördlichen Nachbarland. Simone Dors und Gerrit Saamer haben von Anfang an unseren Dialekt verstanden, was sicherlich sehr geschätzt wurde. Gerrit Saamer spricht bei Anlässen mit unseren jüngsten Personen wie im Kinderweihnachtsspiel zudem perfektes Schweizerdeutsch.»

Was hier in der Kirchgemeinde geschieht, gestalten Pfarrpersonen und Behördenmitglieder gemeinsam.

«Bürgerschaftliches Engagement»

Von Anfang an waren die beiden beeindruckt vom grossen gemeinsamen Engagement der Kirchenvorsteherschaft: «Pfarrpersonen und Behördenmitglieder begegnen sich auf Augenhöhe, gemeinsam tragen sie die Verantwortung für das kirchliche Leben und können dabei auf die Unterstützung und Mitarbeit von Angestellten und Freiwilligen zählen», sagt Dors: «Was hier in der Kirchgemeinde geschieht, gestalten Pfarrpersonen und Behördenmitglieder gemeinsam.»

Für Gerrit Saamer passt dieses Miteinander gut zum in der Schweiz in Gesellschaft und Politik verbreiteten «bürgerschaftlichen Engagement», wie die Freiwilligenarbeit vor allem in Deutschland genannt wird: «Der einzelne Mensch ist sich hier gewohnt, seinen Beitrag zum Gemeinwesen zu leisten.»

Der einzelne Mensch ist sich hier gewohnt, seinen Beitrag zum Gemeinwesen zu leisten.

«Der Mensch dahinter»

Kirchenpräsident Daniel Christen bestätigt, dass die Zusammenarbeit innerhalb der Behörde, mit dem Pfarramt, Diakonat, Sekretariat und den anderen Mitarbeitern immer sehr «kollegial und wertschätzend» gewesen sei. «Schwierige Situationen haben wir gemeinsam gemeistert und gelöst. Um es in den Worten unseres Mottos ‹Heimathafen Egnach› auszudrücken: Trotz teilweise heftigem Wellengang und Stürmen hat unsere Mannschaft das Schiff immer wieder in den sicheren Hafen geleitet. Dabei spielen die ‹Sprache› oder die Herkunft der Personen keine Rolle, sondern die Menschen dahinter.»

 

Serie: Deutsche Pfarrpersonen im Thurgau (3/3)

Wie haben sich Pfarrpersonen aus Deutschland in der Thurgauer Landeskirche eingelebt? Wie gehen sie mit den unterschiedlichen Mentalitäten und Kulturen um? Diesen Fragen geht der Kirchenbote in einer dreiteiligen Serie nach.

Beitrag 1 nachlesen: Kirchliche Nachbarschaftshilfe

Beitrag 2 nachlesen: Pfarrleben auf Augenhöhe

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