News aus dem Thurgau

Von Fischern und Fischen

von Christian Stahmann
min
01.09.2026
Immer wieder ist in Zeiten des Klimawandels von Schöpfungsverantwortung die Rede. Die Berufsfischer am Bodensee nehmen aktiv diesen Auftrag an. An ihrem Alltag lassen sich wie unter einem Mikroskop die gesellschaftlichen Herausforderungen einer nachhaltigen Wirtschaft erkennen.

Es ist früh am Morgen, zugegeben sehr früh, 4.15 Uhr. Reto Leuch und sein Sohn Roman leuchten den Weg über den Steg im Münsterlinger Hafen aus. Beide sind Berufsfischer, der Vater seit über 35 Jahren, der Sohn hat die duale Ausbildung zum Fischwirt in Starnberg letzten Sommer erfolgreich abgeschlossen.

Wir fahren hinaus auf den Bodensee, um Netze auszulegen und später hoffentlich gefüllt mit Fischen wieder einzuziehen. So ein bisschen wie damals, als Petrus mit Jesus an Bord war.

 

Reto Leuch ist Berufsfischer am Bodensee (Bild: zVg)

Übergang von Nacht auf Tag

Auch wenn seit den Zeiten am See Genezareth mehr als 2000 Jahre vergangen sind – die Faszination vor Gottes Schöpfung ist geblieben. Reto Leuch sagt, das wäre für ihn das Besondere an der Fischerei: morgens auf den See zu fahren und die Stille zu geniessen, im Übergang von der Nacht auf den Tag.

Wir fahren hinaus und da, wo das Echolot die Bruchkante zwischen dem hoch aufragenden Seegras und den tieferen Zonen sichtbar macht, werden die ersten Netze ausgeworfen. Klein und engmaschig, in ihnen sollen sich später Eglis verfangen. Dann gehts mitten auf den See hinaus, dort schwimmt der Grossfischsatz schon seit dem Vorabend im Wasser.

 

Das Besondere an der Fischerei: morgens auf den See zu fahren und die Stille zu geniessen…

 

Wir erreichen die grossmaschigen Netze in dem Augenblick, als sich langsam die Sonne über den Horizont zu wälzen beginnt. Eine unglaublich lange Kette an Schwimmern dümpelt da zwischen dem schweizerischen und deutschen Ufer. Fast einen Kilometer lang.

Aber wer hier einen reichen, biblischen Fischfang erwartet, wird bitter enttäuscht. Nur zwei Fische haben sich in den endlosen Maschen unter der Seeoberfläche verfangen. Eine prächtige Regenbogenforelle und ein Saibling. Ähnliche Ergebnisse auch am Ufersaum zwischen Kreuzlingen und Münsterlingen. Am Ende liegen vielleicht zehn bis zwölf Kilogramm Eglis im Boot als Ergebnis von mehr als vier Stunden Arbeit.

Leere Netze und ihre Ursachen

Was sind die Ursachen für die leeren Netze am Bodensee? Mitten auf dem See sind wir in der komplexen Debatte um den Klimawandel und globale Effekte angekommen. Wie stark wohl der Mensch in die Zusammenhänge auf der Erde eingreift und welche politischen Massnahmen angemessen wären, um das Gleichgewicht des Lebensraums zwischen Kreuzlingen und Bregenz moderat wiederherzustellen?

Reto Leuch als Präsident des Schweizerischen Berufsfischerverbandes positioniert sich klar und deutlich: Neben gestiegenen Wassertemperaturen mit entsprechenden Folgen für die Durchmischung einzelner Wasserschichten bringt er vor allem den Phosphorgehalt im Wasser und die unübersehbaren Kormoranpopulationen als Argumente ins Spiel.

Modernen Kläranlagen sei zwar die Reinigung des Sees von umweltschädlichen Zuflüssen zu verdanken, aber mit dem Effekt, dass der für das Algenwachstum wichtige Phosphorgehalt kaum mehr im Wasser nachweisbar sei. Weil aber die grüne Nahrung entscheidend für die Fischpopulation ist, finden sich immer weniger Fische im See.

Auch in Sachen Kormoranmanagement geht es um die Frage des natürlichen Gleichgewichts. Bedingt durch den Klimawandel ist der Kormoran nicht nur über den Winter als Zugvogel Gast am See, jetzt haben ihn die angestiegenen Temperaturen als Bruttier heimisch werden lassen. Jährlich greift sich der Raubvogel eine Fischmenge von mehr als 500 Tonnen.

Im Vergleich dazu landen in den Netzen der Berufsfischer rund 100 Tonnen und an den Angeln der Sportfischer etwa 50 Tonnen. Wäre es da nicht an der Zeit, politische Massnahmen zur Eindämmung der Überpopulation des Kormorans zu ergreifen?

In Verantwortung vor der Schöpfung

Bei der Frage um den Fischfang im Bodensee geht es Reto Leuch nicht um überzogene wirtschaftliche Forderungen. Ihm geht es um die sensible Auslotung der Rahmenbedingungen eines gefährdeten Lebensraums.

Von nichts anderem erzählt die Bibel, wenn sie den wiederkehrenden Rhythmus der sieben Schöpfungstage als «gut» bezeichnet. Es besteht ein hochkomplexer Zusammenhang zwischen den höchsten Gipfeln der Alpen und den Mikroorganismen in den Gewässern.

Und es sind die Fischerinnen und Fischer am Bodensee, die täglich erfahren, wie geheimnisvoll alles miteinander verbunden ist. Als «maritime» Sensoren übernehmen sie aktiv Verantwortung in einer Schöpfung, von der die Bibel schreibt: «Es wimmle das Wasser von lebendigen Wesen…»

 

Schöpfungstag 5: Fische und Vögel

 

Und Gott sprach: Es wimmle das Wasser von lebendigen Wesen, und Vögel sollen fliegen über der Erde an der Feste des Himmels.

Und Gott schuf die grossen Seetiere und alle Lebewesen, die sich regen, von denen das Wasser wimmelt, nach ihren Arten und alle geflügelten Tiere nach ihren Arten. Und Gott sah, dass es gut war.

Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und füllt das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich mehren auf der Erde.

Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein fünfter Tag. (…) Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich. Und sie sollen herrschen über die Fische des Meers und über die Vögel des Himmels, über das Vieh und über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die sich auf Erden regen.

Und Gott schuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.

 

1 Mose 1,20–23 / 26–27

 

Unsere Empfehlungen

Seinen Selbstwert erkennen

Seinen Selbstwert erkennen

Junge Christinnen und Christen sollen gestärkt durch den Alltag gehen und sich selbst schätzen, trotz des Vergleichsdrucks in den sozialen Medien. Das und vieles mehr möchte Michael Stahl jungen Leuten mit auf den Weg geben.
Nach den USA nun der Bundesrat

Nach den USA nun der Bundesrat

Vor eineinhalb Jahren strichen die USA ihre Hilfsgelder. Jetzt will auch der Bundesrat erneut bei der Entwicklungshilfe sparen. Politikerinnen, Hilfswerke und Kirchen fordern den Bundesrat auf, dies zu stoppen.