News aus dem Thurgau
Kirchenstatistik 2025

Weniger Austritte, aber keine Entwarnung: Die Schweizer Kirchen zwischen Schrumpfen und Suchbewegung

von Tilmann Zuber
min
21.09.2026
Zum zweiten Mal in Folge ist die Zahl der Kirchenaustritte in der Schweiz deutlich gesunken – und das überraschend stark. Wer daraus aber auf eine Trendwende schliesst, irrt sich gleich doppelt.

27'878 Menschen haben sich 2025 von der katholischen Kirche abgemeldet, 26'243 von einer reformierten Landeskirche. Das zeigt die neue Kirchenstatistik des St. Galler Pastoralsoziologischen Instituts (SPI). Bei den Katholiken sind das fast 9000 Austritte weniger als im Vorjahr, bei den Reformierten gut 6300 weniger. 2023 war das Rekordjahr: Damals erschien der Schlussbericht zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche und fast 67’500 Katholiken traten aus. Verglichen damit ist der Rückgang der Austritte markant: Die katholische Austrittszahl liegt jetzt wieder auf dem Niveau von 2019, die reformierte auf jenem von 2020.

 

 

Gute Nachrichten also für die Kirchen? Nur bedingt. «Die Zahlen sehen auf den ersten Blick erfreulich aus», sagt Stephan Jütte, Kommunikationschef der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). «Aber eine Trendwende ist das noch nicht.» Auch SPI-Institutsleiter Arnd Bünker warnt vor voreiligen Schlüssen: Ob sich der Rückgang der Austritte fortsetze, sei offen.

Der Nachwuchs fehlt

Der eigentliche Befund der Statistik liegt nicht bei den Austritten, sondern beim fehlenden Nachschub. Die Zahl der Taufen ist in beiden Kirchen erneut gesunken: In der katholischen Kirche wurden 2025 noch 12'809 Menschen getauft, 739 weniger als im Vorjahr. Bei den Reformierten waren es 6'261 Taufen, ein Minus von 850.

Auch die kirchlichen Trauungen brachen ein – bei den Reformierten um fast 15 Prozent. Weil die Taufen die Verluste durch Todesfälle und Austritte bei weitem nicht mehr ausgleichen, schrumpfen beide Landeskirchen weiter: Die katholische Kirche zählte Ende 2025 noch 2,68 Millionen Mitglieder (minus 46'920), die reformierte 1,77 Millionen (minus 15'920).

 

 

Dahinter stehen laut SPI zwei unterschiedliche Dynamiken. Wer aus der katholischen Kirche austritt, tut dies häufiger wegen konkreter Ärgernisse – in den letzten Jahren vor allem wegen der Missbrauchsfälle und ihrer jahrzehntelangen Vertuschung. Dass dieses Thema medial etwas in den Hintergrund gerückt ist, erklärt laut Bünker den stärkeren Rückgang bei den Katholiken. Bei den Reformierten liegen die Gründe tiefer: «Bei uns stehen hinter den Austritten weniger einzelne Empörungsereignisse als ein langfristiger Verlust an Selbstverständlichkeit», sagt Jütte. Kirche werde schlicht nicht mehr automatisch mitvererbt.

Die Frage, die bleibt

Für Jütte drängt sich damit eine grundsätzlichere Frage auf als die nach der Jahresstatistik: «Warum sollte jemand heute Mitglied einer Kirche sein?» Eine Volkskirche könne sich künftig nicht mehr darüber definieren, dass ihr möglichst viele Menschen selbstverständlich angehören. Sie müsse sich daran messen lassen, ob sie für die Gesellschaft tatsächlich noch ansprechbar sei. «Gesellschaftliche Bedeutung lässt sich genauso wenig behaupten wie kirchliche Relevanz. Sie muss sich zeigen», sagt Jütte. Es gehe längst nicht mehr darum, möglichst lange möglichst gross zu bleiben, sondern darum, wie Kirche sein will, wenn sie kleiner wird – «ohne klein zu werden».

Auch Bischof Beat Grögli mahnt zu Realismus: Die langjährigen Trends setzten sich fort, das müsse man anerkennen. «Kirchen lassen sich nicht steuern wie Konzerne.» Wichtiger als Management sei, offen zu bleiben für das, was Menschen wirklich bewege.

 

 

Kein Boom, aber ein Signal

Ein Silberstreif findet sich bei den Erwachsenentaufen: 339 Personen liessen sich 2025 als Erwachsene katholisch taufen – ein Höchstwert, wenn auch auf tiefem Niveau. Medienberichte, wonach insbesondere in Frankreich eine religiöse Erweckungsbewegung konservativer Jugendlichen im Gang sei, hält das SPI für einen Mythos: Auch in Frankreich haben sich die Taufzahlen seit 2000 mehr als halbiert, und rund zwei Drittel der erwachsen Getauften sind Frauen. Meist handelt es sich schlicht um verschobene Kindertaufen: junge Erwachsene aus durchaus kirchennahen Familien, die selbst entscheiden wollten.

Trotzdem sei das Phänomen kulturell bedeutsam, sagt Arnd Bünker, Institutsleiter SPI: Glaube werde heute selbstbewusster und sichtbarer gelebt, oft inszeniert über soziale Medien. Was früher zurückhaltend gefeiert wurde, teilen Neugetaufte heute öffentlich. Für Bünker zeigt das: Wo Religion noch gelebt wird, wird sie bewusster und öffentlicher – auch wenn die Institution insgesamt an Bindungskraft verliert.

 

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