News aus dem Thurgau

Wiborada erobert St. Gallen: Von der Zelle zur Passerelle

von Ines Schaberger
min
17.06.2025
Fünf Personen liessen sich für 2025 wochenweise in die nachgebaute Wiboradazelle einschließen – 629 Menschen suchten den Kontakt. Die mittelalterliche Heilige wird in St. Gallen immer sichtbarer: Eine Passerelle und erstmals ein Uni-Raum tragen ihren Namen.

Vier Frauen und ein Mann liessen sich 2025 für je eine Woche in der nachgebauten Wiboradazelle bei der Kirche St. Mangen einschliessen. Wie die Inklusin im Mittelalter wurden sie von der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgt und standen durch das Zellenfenster für Gespräche zur Verfügung. Insgesamt suchten 629 Personen den Kontakt, darunter 18 Schulklassen und 18 Gruppen.

Die lange in Vergessenheit geratene Wiborada von St. Gallen erfreut sich wachsender Sichtbarkeit – auch im Stadtbild. So heisst die neu eröffnete Passerelle über den Unteren Graben nach der mittelalterlichen Heiligen und Bewahrerin des Klosterschatzes. Nun ist es möglich, auf Wiboradas Spuren quer durch St. Gallen zu wandlen: von der Wiboradakapelle in St. Georgen über den Wiboradabrunnen und St. Mangen, wo Wiborada als Inklusin lebte, via der Wiboradapasserelle bis zum neuen Wiboradaraum im Süden der Stadt.

Erstmals nach einer Frau benannt: Wiboradaraum an der HSG

Denn an der Universität St. Gallen wurde erstmals ein Raum nach einer Frau benannt: Neben «Gallus» und «Vadian» trägt nun auch ein Raum im «HSG Square» den Namen «Wiborada». Auf den ersten Blick unscheinbar, ermöglicht der Raum im Untergeschoss Rückzug und Ruhe: «Denn zu einer umfassenden Persönlichkeitsbildung gehört auch die Innenschau», sagte Tim Kramer, Intendant des «HSG Square», bei der feierlichen Eröffnung. Die Namensgebung ist der Beharrlichkeit von Studierenden rund um Lea Vannini zu verdanken. «Als Square leben wir von Initiativen wie eurer. Dafür danke ich euch herzlich», so Kramer.

Hildegard Aepli, Initiantin des Wiboradaprojektes, hob in ihrer Rede Wiboradas historische Bedeutung hervor: «Das Erstaunliche ist: Mann (!) hat auf sie gehört. Ohne ihre Warnung vor dem Einfall der Ungarn wäre der Klosterschatz im Jahr 926 vernichtet worden – und St. Gallen heute wohl kein Weltkulturerbe.» Aepli lobte die Ausdauer der Studierenden, die das Unsichtbarmachen weiblicher Geschichte in der Stadt nicht länger hinnehmen wollten: «Der Weg, die Nachwirkungen des Patriarchats aufzuweichen ist lang und beschwerlich», so Aepli.

Ausblick auf 2026: Jubiläum zum 1100. Todestag

2026 jährt sich Wiboradas Todestag zum 1100. Mal. Für dieses grosse Jubiläum wurde ein Verein gegründet, in dem Stadt, Kultur und Kirche zusammenarbeiten. «Geplant ist unter anderem, die Wiboradazelle das ganze Jahr täglich tagsüber zu öffnen. Eine Person wird vor Ort sein, zuhören und Rat geben», verrät Hildegard Aepli. Am 02. Mai 2026, dem Wiboradatag, ist ein grosses Fest rund um die Kirche St.Mangen geplant.

Wiborada-Projekt 

Mit dem Projekt Wiborada 2021–2026 möchte ein ökumenisches Team ihr den Platz in der Geschichteeinräumen, der ihr gebührt. Seit 2021 lassen sich jedes Jahr fünf Personen für je eine Woche in der  nachgebauten Zelle der Wiborada von St.Gallen einschliessen. So spüren sie dem Leben der  mittelalterlichen Heiligen nach und entdecken ihre Bedeutung für Stadt und Kanton heute. 

Wiborada von St. Gallen: Inklusin und Ratgeberin

Wiborada ist neben Gallus und Otmar die dritte St. Galler Stadtheilige, fristet aber in St. Gallen bis heute ein Schattendasein. Die unerschrockene Frau liess sich 916 in eine Zelle bei der Kirche St. Mangen als sogenannte Inklusin einschliessen. Beim gewaltsamen Einfall der Ungarn bezahlte sie926 mit ihrem Leben dafür. In ihrer Zelle stand ein Fenster stets offen für jene, die Rat und Hilfe  suchten. Die beiden Viten über Wiborada erzählen, dass sich Äbte, Fürsten, Adlige, Mönche und  Menschen der Stadt an ihrem Fenster beraten liessen.

Unsere Empfehlungen

Die Vision einer Gesellschaft ohne Rassismus

Die Vision einer Gesellschaft ohne Rassismus

Angélique Beldner, SRF-Moderatorin und Autorin, las in der Citykirche Zug aus ihrem Buch «Rassismus im Rückspiegel». Dabei sprach sie über subtile Formen von Diskriminierung im Schweizer Alltag und warum Schweigen keine Lösung ist.
In der kollektiven Trauer liegt Hoffnung

In der kollektiven Trauer liegt Hoffnung

Guy Liagre, reformierter Pfarrer in Crans-Montana, spricht im Interview über die Brandkatastrophe, die Bedürfnisse der Betroffenen in den kommenden Monaten, den Umgang mit Schuld und Trauer und erklärt, warum nicht jede Form der Anteilnahme wirklich hilfreich ist.
Hochsensibilität: Segen oder Fluch?

Hochsensibilität: Segen oder Fluch?

Eine Seltenheit ist Hochsensibilität nicht. Sie kommt häufiger vor, als man vermuten würde. Es ist keine Krankheit, sondern eine Veranlagung, die etwa jeder fünfte Mensch hat. Je nachdem, wie Betroffene damit umgehen, kann sie bereichernd oder belastend sein – gerade in Kirchgemeinden.